Alle alles lehren!

Dem Gymnasium gehört durchaus die Zukunft, doch nicht in seiner achtjährigen Form, die Karlheinz Töchterle so zäh verteidigt.

Der ehemalige Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bemüht die 200-jährige Geschichte dieses Schultyps, um ihn in die Zukunft zu retten. Das lässt Zweifel aufkommen: Denn im 19. Jahrhundert hat das humanistische Gymnasium der Rekrutierung jener schmalen Elite gedient, die später an der Universität studieren und als Pfarrer, Richter, Arzt oder Gymnasiallehrer das herrschende gesellschaftliche System erhalten sollte.

Doch gerade die Humanisten wussten in Anlehnung an Ovid: „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.“ Warum also sollte sich das Gymnasium nicht ändern, wenn es doch die Zeiten tun? Wenn früher der altsprachliche Unterricht „über 50 Prozent des Lehrplans beanspruchte“, so wird das heute ja wohl niemand mehr einfordern. Wir alle wollen ein Schulsystem, das möglichst wenig Verlierer produziert und möglichst viele zu Spitzenleistungen anregt.

So auch Töchterle: „Schließlich gilt das Gymnasium immer noch als etwas Herausgehobenes, in dem besondere Leistung verlangt und auch honoriert wird, auch durch späteren sozialen Aufstieg.“

Das Argument des sozialen Aufstiegs mag stimmen, und die Hoffnung, die Kinder würden ihn schaffen, ist der eigentliche Grund für die Attraktivität dieses Schultyps. Die „besonderen Leistungen“ jedoch lassen sich leider nicht bestätigen. Das Gymnasium müsste ja für den Spitzenbereich zuständig sein. Allerdings sind funktionierende Gesamtschulsysteme hier deutlich erfolgreicher: Beim Lesen befinden sich nur sechs Prozent unserer 14-Jährigen in der Spitzengruppe, in den führenden Gesamtschul-Staaten wie Neuseeland und Finnland sind es etwa dreimal so viele. Auch Südtirol ist deutlich erfolgreicher als etwa Nordtirol.

Wie kann das sein, obwohl bei uns die angeblich besten Schülerinnen und Schüler nach der Volksschule ins elitäre Gymnasium kommen, während in Finnland und Südtirol alle gemeinsam unterrichtet werden – übrigens einschließlich jener Kinder, die bei uns in der Sonderschule landen?

Im österreichischen Durchschnitt wechseln nach der Volksschule 33 Prozent aller Kinder in ein Gymnasium. Wie erklären jedoch die Befürworter der Langform des Gymnasiums die Tatsache, dass für dessen Besuch die Geografie offenbar wichtiger ist als die Intelligenz? Sind die Kinder in ländlichen Gegenden wie dem Hinteren Bregenzerwald und dem Bezirk Hermagor, wo es nach der Volksschule fast keine Übertritte ins Gymnasium gibt, dümmer als jene in Wiener Nobelvierteln, die Anmeldequoten von über 90 Prozent aufweisen?

Ähnlich entscheidend wie die Geografie ist für den Gymnasiumsbesuch die soziale Herkunft. Hat zumindest ein Elternteil eine akademische Ausbildung, so geht ein Kind in Österreich mit einer fast 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit in eine AHS-Unterstufe. Bei Eltern mit Pflichtschulabschluss liegt die Chance dieses Kindes nur bei zwölf Prozent.

Nein: Weder der Blick ins 19. Jahrhundert noch jener ins 21. rechtfertigt ein Schulsystem, das den ländlichen Raum und sozial Schwache benachteiligt, das schlechte Leistungen erbringt und das zudem übermäßig teuer ist. Wenn wir schon zurückblicken, dann bitte nicht auf das humanistische Gymnasium, sondern auf die Humanisten. Johann Amos Comenius forderte im 17. Jahrhundert: „Omnes omnia omnino excoli“ – „Alle alles mit Blick aufs Gesamte lehren“. Das war damals und ist heute moderne Pädagogik.

Der Autor ist Bildungssprecher der Grünen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2016)

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