Europa an einem Punkt des radikalen Wandels

Gutmenschen kontra Schlechtmenschen: Die jetzige Krise kann nur in einem neuen gesellschaftlichen Konsens gelöst werden.

Europa hat in den vergangenen zwölf Monaten viele Menschen aus dem Nahen Osten, Hindukusch und Afrika aufgenommen, aber es hat trotzdem keine Flüchtlingskrise an sich. Aber das zu behaupten kommt einem fahrlässigen Sprechakt nahe.

Der Einwanderungstypus, mit dem Europa gerade konfrontiert ist, ähnelt eher dem Muster des „ver sacrum“ vieler antiker, als kultische, kriegerische und patriarchale „Männerbünde“ integrierter Gemeinschaften. Im „heiligen Frühling“ wurden damals Gruppen junger Männer vom Kollektiv ausgesandt, um neues Land zu erobern.

Als Kolonisten ausgeschickt sollten sie nicht nur Land für ihren eigenen Unterhalt erobern, sondern auch die kultische Stärke der Gemeinschaft unter Beweis stellen, die gute Nachricht über ihre Lebensenergie in der Welt zu verbreiten. Im Geltungsbereich der symbolischen Formen angewandt, wurde aus dem „ver sacrum“-Muster eine neue Kunst geboren, die über die ästhetischen Grenzen hinausgeht. Im Ansatz des realen Lebens, hier und jetzt, wurde aus diesem Muster das Phänomen der „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“ geboren – berauschend lebenshungrig, fokussiert aufs Abstecken, Besetzen und Behaupten aller kulturellen Zeichen, die ihnen feindlich gesinnt oder einfach unverständlich gegenüberstehen.

 

Das hat schon Kant gewusst

Zusammen mit der neuesten „ver sacrum“-Generation kommen getrennt, über diverse Flüchtlingsruten verstreut, Kernfamilien, erweiterte Familien und Nachbarn. So wie die Sache derzeit aussieht, sind Brüssel und Berlin weiterhin bereit, diesen Trend als Einbildungen jener Menschen abzutun, die Humanismus und Aufklärung kurz verpasst haben sollen.

Hier muss nun der Gutmensch/Schlechtmensch-Index bemüht werden. Es ist genau diese unvollkommene, äußerst unverlässliche, aber in diesem Falle leider zutreffende Unterscheidung, die einen nüchternen Blick der europäischen Gesellschaften auf die Flüchtlingskrise versperrt.

Der Gutmensch steht über den Dingen. Damit sind nicht gutgläubige oder naive Menschen gemeint, sondern jene, die ganz bewusst, aus einer reflexiven und reflektierenden Ethik heraus agieren. Sie überlassen ihre Güte keinem Zufall. Sie kultivieren ihre Gutheit theoretisch und praktisch, standardisieren sie wie die Säulen-Pilaster-Stellung.

Man arbeitet an sich selbst, bildet sich, studiert fleißig, bereist die Welt, wird mit der Idee der Andersartigkeit demütig vertraut. Wenn er/sie noch dazu intellektuell ehrlich und halbwegs emphatisch ist, dann ist es so, als ob sich das glanzvolle Erbe des Humanismus in einem einzigen, stolzen Atemzug hörbar meldet: Der Mensch soll rational handeln, respektvoll mit anderen Kulturen, Sitten und Religionen umgehen, die Vernunft zum obersten Prinzip seines Handelns erheben. Das alles hat schon Kant gewusst, dafür musste er nicht einmal Königsberg verlassen. In einer Kosten-Nutzen-Analyse hat Europa ihn ganz günstig ergattern können.

So weit, so gut. Aber dann, zur schön gerundeten Einsicht gekommen, wundert sich der Gutmensch, dass andere nicht so denken. Wie ist es nur möglich, dass jemand so anders, so unvernünftig sein kann!

Ein Axiom des italienischen Geschichts- und Rechtsphilosophen Giambattista Vico, appliziert auf den Gut/Schlecht-Index, kann helfen: Der Gutmensch ist demnach jener, der seine Bindung zur Imagination des Ganzen verloren hat. So gesehen genießen Schlechtmenschen einen traurigen Vorteil. Indem sie ihre Bindung zur Imagination nie getrennt haben, können sie frei imaginieren was aus ihren Gesellschaften und Kulturen werden könnte, wenn eine fremde, von der demografischen Überzahl getragene, kulturell selbstversorgende Religion auf einmal den Gesellschaftsvertrag in Europa mitbestimmt.

 

Der nüchterne Schlechtmensch

Es ist nicht so, dass die Gutmenschen über keine Fantasie verfügen; nur der Reflex der erinnerungsfähigen Imagination ist ihnen abhandengekommen. Im Unterschied zu ihnen tut der Schlechtmensch nichts anderes, als sich an jenen Prozess zu erinnern, in dem Dinge wie Freiheit, Individualismus, Rationalität, Säkularismus, Gewaltentrennung, Gender-Gleichstellung oder der soziale Staat entstanden sind und überlegt, wie fragil sie immer noch sind. Überspitzt gesagt: Wenn er das Fürchten lernen will, geht der Gutmensch ins Kino, der Schlechtmensch schaut Nachrichten an.

Der Imagination zivilisatorisch beraubt, können sich die Gutmenschen überhaupt nicht vorstellen, dass ihnen oder ihren Liebsten etwas Schlechtes passieren kann, weil sie dazu neigen, das Fremdartige, das Entfernte, das Dunkle auf das Vertraute zu reduzieren. „Wieso“, fragt man sich nach Nizza, Paris, Brüssel, New York, Boston und Ansbach verzweifelt – „wieso tun sie uns das an?“

 

Verändern – mit Gewalt

Na ja, weil sie uns hassen. Weil sie das wollen, was uns gehört, sodass sie das Weggenommene ändern und an ihre Welt- und ihre Wertvorstellungen anpassen können. Weil auch sie, genauso wie wir, dazu neigen, das Fremdartige, das Entfernte, das Dunkle auf das Vertraute zu reduzieren.

Im Alltag, im Zusammenleben hört sich das so an: Sie wollen uns verstehen, aber das können sie nur, wenn sie uns ändern – und ändern in ihrem Sinne können sie uns nur mit Gewalt. Und deshalb verüben radikale Islamisten terroristische Akte, deswegen pflegt die Mehrheit der europäischen Muslime einen höheren Akzeptanzgrad für jene Intentionen zu haben, die sich hinter diesen Taten verbergen.

Europa ist an dem Punkt des radikalen Wandels angelangt. Die „weißen“ Kulturen, allen voran der Westen mit seiner Vormachtstellung, können nicht so weitermachen. Bis jetzt konnten sie ihre Universalität mit der Kraft des Vorbildes behaupten. Und mit dem Glanz ihrer Waffen. Kein Grund sich zu schämen, es ist sowieso zu spät dafür.

Die Gutmenschen sind bereit, an der Scham der Geschichte zugrundezugehen. Die Schlechtmenschen pfeifen auf die historische Verantwortung, akzeptieren nur ihre eigene, und wollen sich zur Wehr setzen.

 

Diskursives Kräftemessen

Dies ist eine existenzielle Krise, die nur in einem neuen gesellschaftlichen Konsens aufgelöst werden kann: Haben die Gutmenschen das Recht, die Schlechtmenschen mitzuopfern? Sind die Schlechtmenschen damit einverstanden, dass es sich eine lebenshungrige fremde Religion mitten in ihrer säkularisierten Gesellschaft bequem macht? Und das nicht in Form von individualisierten, hilfsbedürftigen Menschen, sondern als ein gleich über die Gruppen- und die politischen Rechte verhandelndes Kollektiv?

Wenn in diesem diskursiven Kräftemessen die Schlechtmenschen in Minderzahl bleiben? Na gut, dann gehen wir eben unter. Plus, und das könnte als eine weitere Errungenschaft des Inklusionsprinzips in die Theorie eingehen: Nicht, wie bis jetzt, Demokratie oder Untergang, sondern Demokratie und Untergang.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Vesna Knezevic
(* 1956 in Prishtina) studierte Politikwissenschaften in Belgrad und Wien; MA Soziologie, Universität Wien. Ab 1985 Korrespondentin aus Zagreb für Radio und TV Belgrad, 1991 im Zuge von Mediensäuberungen unter Milošević entlassen, 1993 Übersiedlung nach Wien. Dzt. Korrespondentin für das serbische Fernsehen (RTS). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2016)

Kommentar zu Artikel:

Europa an einem Punkt des radikalen Wandels

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen