Die Ukrainer als die wahren Putin-Versteher

Es sind die Menschen in der Ukraine, die wissen, wie Russland wirklich tickt.

Was Putin in der Ukraine tut, kann ich nicht gutheißen, aber ich verstehe, warum er es tut.“ Solche Aussagen höre ich als Botschafter immer wieder. Putin-Versteher ist zu einem Inbegriff moralischer Verwirrtheit in unserer Zeit geworden: Ich verurteile das Böse, verstehe es aber. Viele sagen es, ohne zu bedenken: Das Böse so zu verstehen bedeutet, das Böse zu banalisieren und es zu rechtfertigen.

Wenn es wirklich ums Verstehen und nicht ums Rechtfertigen geht, sind die wahren Putin-Versteher nicht im Westen zu finden, sondern in der Ukraine. Wir Ukrainer kommen aus dem gleichen sowjetischen Schmelztiegel wie die Russen. Viele von uns lesen dieselben Bücher, hören dieselbe Musik, viele sprechen Russisch als Muttersprache.

Wir sind diejenigen, die wissen, wie Russland tickt, und was von Russland zu erwarten ist. Wir hören nicht nur, was ins Gesicht gesagt, sondern auch, was hinter dem Rücken gesprochen wird. Und Letzteres ist erschreckend.

Wir hören, wie Politiker behaupten, die Ukraine sei lediglich eine gegen Russland gerichtete „Erfindung des österreichischen Generalstabs im Ersten Weltkrieg“. Oder wie Österreich im russischen Fernsehen wegen falscher Berichte über den Freispruch eines angeblichen Kindervergewaltigers ausgelacht wird. Oder wie der Vorsitzende einer Duma-Fraktion Österreich der Fälschung der Dezember-Wahl öffentlich bezichtigt.

 

Ukraine war nur der Anfang

Die Putin-Versteher im Westen leben in einer Potemkinschen Welt, in der Russland nur eines will: sich selbst sein. Falsch. In Wirklichkeit reichen die Pläne Russlands viel weiter – und das versuchte Umkrempeln der Ukraine ist nur der Anfang. „Europa ist von nun an historisch irrelevant. Es gibt zwei Entscheidungsträger in der Welt: Putin und Trump“, sagt der führende russische Außenpolitiker, Alexej Puschkow. „Wenn wir es in Donezk schaffen, schaffen wir es überall“ – sagt der populäre Schriftsteller Sachar Prilepin. „Überall“ ist ein lautes Wort. Hat man eine Ahnung, wie weit „überall“ reichen kann?

 

Russisches Chromosom

Ukrainer und Russen haben viel gemeinsam, aber eines sicher nicht: eine Vision ihrer Zukunft. Die Russen suchen die Zukunft in ihrer Vergangenheit. Ein russischer Minister erklärte einmal, die Russen hätten ein Chromosom, das andere Europäer nicht hätten (und die von Österreich erfundenen Ukrainer wahrscheinlich schon lange nicht mehr). Sollte dieses Chromosom tatsächlich existieren, hieße es „imperiale Sowjetnostalgie“. Ein solches haben die Ukrainer wirklich nicht.

Die Wahrheit ist simpel. Die Ukraine hat sich für Europa entschieden, Russland bestraft sie für diese Wahl. Alles andere (so das Gerede über „die Schuld der Ukraine“) ist nichts anderes als der Versuch, die Akzente zu versetzen.

Ja, die Ukraine ist nicht ohne Sünde. Korruption und Bürokratie plagen uns nach wie vor. Der Sinn der ukrainischen Revolution war und ist es, der imperialen Vergangenheit Adieu zu sagen. Wir streben danach, ein besserer Staat zu werden. Fortschritte sind da. Hochrangige Kabinettsmitglieder werden wegen Korruptionsverdacht verhaftet, junge Antikorruptionsstaatsanwälte widersetzen sich dem Widerstand des Systems. Die Wirtschaft kommt in Schwung (mit fast 4,7 Prozent BIP-Wachstum im letzten Quartal 2016).

Die Ukraine ist der Ort, wo die Krise Europas zu einer Chance werden kann. Man muss nur stark genug sein, um sich die Pros und Kontras in der Ukraine wie auch in Russland vor Augen zu halten.

Dr. Olexander Scherba steht seit 1995 im diplomatischen Dienst der Ukraine und ist seit November 2014 Botschafter seines Landes in Österreich.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Die Ukrainer als die wahren Putin-Versteher

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.