Rapids Kapitulation vor ein paar Hundert eitlen Krakeelern

Gastkommentar Die Rapid-Fanscharen maßen sich Einfluss auf die Vereinspolitik an.

Rapid-Fans beim Cup Spiel in St. Pölten am 5. April
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Rapid-Fans beim Cup Spiel in St. Pölten am 5. April
Rapid-Fans beim Cup Spiel in St. Pölten am 5. April – APA/EXPA/SEBASTIAN PUCHER

In der Kleingartensiedlung des Wiener Fußballs geht derzeit eine Geschichte um, die das Kernproblem des SK Rapid auf den Punkt bringt. Anton Pfeffer, einst Austria-Verteidiger und jetzt Sportpolitiker in Niederösterreich, besuchte das Rapid-Stadion. Vor dem Eingang musterte er die Bronzestatue von Rapids legendärem Geschäftsführer Dionys Schönecker (1888–1938). Heraus stürmte der Ex-Einpeitscher von Rapids Fanzentrum Westtribüne und herrschte den längst pensionierten Austrianer an, er solle gefälligst das Mahnmal des Rapid-Gründervaters nicht entweihen.

Es ist kurz vor dem 321. Wiener Derby, einem Fußballspiel zwischen dem SK Rapid und dem Stadtrivalen FK Austria Wien. Das Niveau des Wiener Kicks ist sogar für österreichische Verhältnisse grottig. In den mit insgesamt rund 50 Millionen Euro subventionierten Stadien der Rapid (fertig) und der Austria (in Bau) herrscht fußballerischer Veganismus.
Die Anekdote mag sich so zugetragen haben oder nicht, sie birgt jedenfalls eine tiefere Wahrheit: Rapids Glorie und Elend gründet zu einem zu großen Teil im Engagement der Rapid-Fanscharen. Diese mit teils fantasievollen („Borderliner“), teils langweiligen („Green Dogs“) benamsten Gruppierungen sorgen im Stadion für Lärm und selbst bei Europacup-Auswärtsspielen (also im Herbst 2017 nicht) für Staunen.

Pseudoreligiöse Verehrung

Der „Fightclub“ Ultras ist dem Verein zu nahe gekommen und maßt sich Einfluss auf die Vereinspolitik an. So weit kann es kommen, wenn pseudoreligiöse Verehrung eines Klubs („Rapid ist Religion“) zu wörtlich genommen wird.

Die Trennung von „wir“ und „die anderen“ führt, siehe Anton Pfeffer, dazu, dass Höflichkeit und Anstand vergessen werden. Unbildung kompensieren sie mit Aktionismus. Oder wusste der den armen Anton Pfeffer anschreiende Rapidler, dass Schönecker 1909 die Gründung des jüdischen Sportklubs Hakoah und also Toleranz über Vereinsgrenzen hinweg befürwortete? Unlängst outeten sich Rapids Ultras auf der eigenen Homepage in einer „Aussendung zur aktuellen Situation beim SK Rapid“ als Macht, die das Gute will und das Böse schafft.

Kindische Sentenzen

Das in holprigem Deutsch geschriebene Pamphlet strotzt vor Ergriffenheit von der eigenen Wichtigkeit: „Vielleicht haben manche schon auf richtungsweisende Worte unsererseits gewartet.“ Rapid wird kryptokommunistisch als „Teil der kommerziellen Ausbeutung des Fußballs“ identifiziert.

Nach dem 0:3 von Rapid in Ried, das Trainer Damir Canadi den Job kostete, vermieden sie eine „Straßenschlacht mit der mehr als übermotivierten oberösterreichischen Polizei“. Stattdessen wurde der „Bus auf dem Weg nach Wien von der Autobahn geholt, um der Mannschaft auf einem Lkw-Rastplatz die Leviten zu lesen“. Kidnapping als Krisenmanagement? Aber nein, war alles ausgemacht, sagt Rapid.
Das ist das Problem. Der „größte Klub des Landes“ mit österreichweit 900.000 Fans, einem Budget von 30 Millionen, einem für das neue Stadion aushaftenden Kredit in derselben Höhe kapituliert vor ein paar Hundert eingebildeten Krakeelern. Geht gar nicht.

Rapid ist ein Wirtschaftsbetrieb, keine „Familie“, in der kindische Sentenzen („wir geben alles für den Klub“) als Beweis für Treue und Bravsein gelten. Rapid braucht wie jeder Verein aktive Anhänger, schon um TV-Publikum und Sponsoren „Atmosphäre“ zu bieten. Aber dafür die Entscheidungshoheit abgeben? Nein – höchste Zeit für eine Familienaufstellung.

Mag. Johann Skocek (geboren 1953) ist Journalist und Buchautor. Er hat sich auf die Hintergrundberichterstattung im Dreieck Sport, Wirtschaft und Politik spezialisiert.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21. 4. 2017)

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