Können es uns nicht leisten, Klimaschutz zu ignorieren

Die Wirtschaft braucht Klimastabilität, keine dritte Piste in Schwechat.

Eine dritte Landebahn auf dem Flughafen Wien schadet nicht nur der Umwelt, sondern sie ist auch unökonomisch. Die aktuelle Diskussion zur vorgeschlagenen dritten Landepiste geht implizit davon aus, dass man es sich aussuchen kann, die Risken und Kosten von Klimawandel in wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu berücksichtigen oder auch nicht. Leider ist dem nicht so.

2016 war das dritte Jahr in Folge, das einen neuen Wärmerekord brachte. Extremereignisse nehmen zu, verursachen schon heute hohe Kosten für die Wirtschaft. Ein stabiles Klima ist für uns Menschen also auch wirtschaftlich wertvoll. Es ist daher ökonomisch sinnvoll, in Klimastabilität zu investieren – je früher desto wirksamer.

Versicherungen und Großanleger haben die von Klimawandel ausgehenden ökonomischen Risken längst erkannt. Veranlagungen in Aktien von Öl- und Gaskonzernen, aber auch von energieintensiven Betrieben und Investitionen in den Transportsektor können langfristig die Erträge gefährden. Es gibt „Klimastresstests“ für Anlageportfolios.

Mit dem Pariser Klima-Abkommen versucht die internationale Staatengemeinschaft, die Risken in den Griff zu bekommen. Das Zwei-Grad-C-Ziel (Begrenzung des Anstiegs der globalen Temperaturen bis 2100 auf 2 ° Celsius im Vergleich zu 1850) übersetzt sich in ein maximales Volumen von Klimagasemissionen, auch Kohlenstoffbudgets genannt.

 

Klare Regeln und Vorgaben

Um eine mehr als 66-prozentige Chance zu wahren, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, bleibt für dieses Jahrhundert weltweit ein Kohlenstoffbudget von 700 Gigatonnen CO2. Bei einem aktuellen Ausstoß von knapp unter 40 Gigatonnen pro Jahr ist das Budget in weniger als zwei Jahrzehnten aufgebraucht. Laut IIASA und PIK bringt eine Halbierung des Ausstoßes alle zehn Jahre die erforderlichen Reduktionen. Das ist machbar, erfordert aber eine enorme Anstrengung, klare Regeln und planbare Vorgaben für die Wirtschaft.

 

Hauptproblem Flugverkehr

Österreich emittiert heute so viel wie 1990. Für eine Reduktion braucht es entschlossenere Klimaschutzpolitik. In Österreich und in der EU verursacht Verkehr ein Viertel aller Klimagase, der Flugverkehr ist neben dem Straßenverkehr der größte und am schnellsten wachsende Verursacher. Dort liegt also ein Hauptproblem für die unerfreuliche Dynamik.

In einer Zeit, in der es darum geht, die Wirtschaft rasch zu dekarbonisieren, steigert ein Infrastrukturprojekt wie die dritte Piste die gesamtwirtschaftliche Herausforderung und damit die Last für Haushalte und andere Wirtschaftsbereiche. Statt darüber zu diskutieren, wie es gelingen kann, Klimaschutz politisch zu unterbinden, der gleich mehrfach im Verfassungsrang verankert ist, wäre es vielmehr ein Gebot der Stunde, den Umbau der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft zu mehr Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit voranzutreiben.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung beim Übergang in eine dekarbonisierte Zukunft? Wie können Klimagerechtigkeit und wachsende soziale Ungleichheit gemeinsam angegangen werden? Welche zukunftsfähigen Investitionsoptionen gibt es in der Region Schwechat, und wie viele Arbeitsplätze werden dadurch geschaffen? Welche technischen und sozialen Innovationen fördern nachhaltiges Arbeiten? Welche physische und soziale Infrastruktur treibt die Dekarbonisierung voran?

Es gibt viel zu tun. Und es wäre besser, schon heute statt morgen mit dem wirtschaftlich zukunftsfähigen Umbau zu beginnen.

Sigrid Stagl ist Professorin für Umweltökonomie und leitet das Institut für Ökologische Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie forscht aktuell zu nachhaltiger Arbeit.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2017)

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