Gastkommentar

Elektroautos und die Frage nach der Stromherkunft

Die E-Mobilität spielt in der Zukunft eine große Rolle, wird aber mit irreführenden Argumenten bekämpft.

In seinem „Presse“-Kommentar „Der schöne Traum von der Elektromobilität“ macht der Autor Gero Vogl etwas, was zurzeit en vogue ist: Um den Verbrennungsmotor (vor allem den Dieselmotor) zu retten, greift man mit irreführenden Argumenten die Elektromobilität an. Damit wird jedoch einer der wesentlichen Bausteine für einen Ausweg aus der Klima- und Umweltkrise entfernt, ohne eine realistische Alternative anbieten zu können. Es steht heute außer Frage, dass eine Mobilitätswende notwendig ist – und die E-Mobilität spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Die meisten dieser Anti-Elektromobilität-Artikel haben zwei wesentliche Makel: Erstens bieten sie selbst keinen realistischen Ausweg aus der Klimakrise. Der Alternativansatz in Herrn Vogls Kommentar besteht aus „Energie sparen, kein E-Zweitauto, besser ,Erstfahrrad‘“. Diese Maßnahmen sind zwar als Ergänzung zur E-Mobilität gut und sinnvoll, jede eingesparte Energie durch Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel, vermehrte Nutzung des Fahrrads etc. ist sehr zu begrüßen. Aber es gibt kein realistisches Szenario für den Personenverkehrsbereich, in dem ohne den Einsatz fossilfreier Antriebstechnologien für Pkw die Klimaziele für 2050 erreichbar sind.

 

Drastische CO2-Senkung

Eine beinahe vollständige Dekarbonisierung (mindestens minus 80% CO2) ist auf der Basis einer Pkw-Flotte von Verbrennungsmotoren (egal, ob Diesel oder Benzin) vollkommen unrealistisch. Hier kann nur ein Ausstieg aus den konventionellen Antriebstechnologien und Ersatz durch fossilfrei betreibbare Technologien die drastische Co2-Senkung ermöglichen.

Die disruptive Technologie dazu gibt es bereits, und wir befinden uns gerade in der Phase, in der die Elektromobilität kostenmäßig die konventionellen Technologien erreichen und kurzfristig überholen wird. Damit ist die Mobilitätswende möglich, und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern in den kommenden Jahren. Gerade aufgrund der Energieeffizienz der Elektromotoren, die einen Faktor (!) 3 höher ist als bei konventionellen Motoren, ist die E-Mobilität eine der größten Maßnahmen, um Energie und damit Kosten zu sparen. Man kann in Österreich bei mittlerer Nutzung von 1000 bis 1500 Euro Einsparung im Jahr ausgehen (inklusive KFZ-Steuerbefreiung). Damit ist es bei entsprechend langer Nutzung leicht möglich, den höheren Anschaffungspreis wieder hereinzuholen.

Der zweite Makel der Anti-Elektromobilität-Artikel liegt in der Stichhaltigkeit der Gegenargumente. Meist wird behauptet, dass Elektromobilität nur durch Kernkraft oder Kohlestrom ermöglicht werden kann. Durch den Anteil an Kohlestrom im Strommix sei ein Elektroauto genauso klimaschädlich wie ein Verbrennungsmotor. Dabei wird die Situation in unterschiedlichen Ländern vermischt (der österreichische Strommix unterscheidet sich sehr wesentlich vom deutschen) oder wird behauptet, dass die erneuerbaren Energiepotenziale ausgeschöpft sind und man auf Kohle- oder Atomkraftwerke angewiesen ist.

 

Treibhausgase reduzieren

Zur Falsifizierung des ersten Gegenarguments gibt es die für Österreich repräsentative Studie „Ökobilanz alternativer Antriebe“ des Umweltbundesamts, die Elektroautos mit Verbrennerautos verglichen hat und dabei alle Vorketten (inklusive der Akkuproduktion) berücksichtigt hat. Ergebnis: „Elektrofahrzeuge haben mindestens um den Faktor 4 (österreichischer Strommix) bis maximal 10 (zertifizierter Ökostrom) weniger Emissionen. Damit ist ganz klar, dass ein Umstieg auf eine Elektrofahrzeugflotte, selbst bei Betrieb mittels österreichischen Durchschnittsstroms, die Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren kann.“ Einzelne Hersteller wie zum Beispiel Tesla bauen schon heute zur Batterieproduktion Solarkraftwerke aus, sodass die Produktion in Bälde zu 100 Prozent Co2-neutral sein wird.

Oder man nutzt Gegenargument Nummer zwei und behauptet, dass es in Österreich kein nennenswertes Ausbaupotenzial an erneuerbaren Energien gibt und dass man daher in Zukunft noch mehr (importierte) Atomenergie oder Kohlekraftwerke benötigen wird, wodurch die Fahrzeuge im Betrieb ähnlich klimaschädlich wären wie Verbrenner. Dabei wird unterschlagen, dass es in Österreich noch ein bedeutendes Ausbaupotenzial bei Wasserkraft, Windkraft, Geothermie und vor allem auch bei Sonnenstrom gibt. Es ist leicht nachzuweisen, dass es allein mit zusätzlichem Sonnenstrom möglich ist, die gesamte Pkw-Flotte auf E-Mobilität umzustellen.

Die heutige Pkw-Flotte von circa 4,5 Millionen Autos verbraucht jährlich knapp vier Milliarden Liter Treibstoff, das entspricht circa 40 TWh (Terawattstunden) fossiler Energie. Durch die Effizienz des E-Motors spart man zwei Drittel der Energie ein, der Strombedarf sinkt auf 13 TWh, für die man mit moderner Technologie ca. 60 km2 Solarfläche benötigt. Das ist die gleiche Fläche, die die Autos selbst verbrauchen: Ein E-Auto mit durchschnittlicher jährlicher Fahrleistung von 13.000 km benötigt 2000 kWh Strom, das entspricht einer Solarfläche von zwölf m2, damit exakt einem Parkplatz. Wenn man Verluste durch saisonale Speicherung (Umwandlung in Wasserstoff bzw. erneuerbares Gas, sogenanntes Sonnengas zur Speicherung für den Winter) dazurechnet, kommt man geschätzt auf 80–100 km2. Ist es möglich, so eine Fläche (weniger als 10 km in der Länge und 10 km in der Breite) bis 2050 zur Solarstromerzeugung zu nutzen?

 

Dachziegel mit Solarerzeugung

Laut der aktuellen Technologie-Roadmap für Fotovoltaik (Solarstrom) des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie gibt es in Österreich ein Potenzial von 230 km2 allein an Dach- und Fassadenflächen. Weiters steht dort: „Zusätzliche Flächen im Bereich der Verkehrsinfrastrukturen, wie Lärmschutzwände und Einhausung von Verkehrsflächen, Mülldeponien und landwirtschaftliche Brachflächen etc. erweitern dieses Potenzial überdies.“ Es gibt bereits Anbieter für Dachziegeln mit integrierter Solarerzeugung, man entwickelt Solarfolien, die man als Schattenspender nutzen kann, es gibt Tests mit Straßenbelägen, die Solarstrom erzeugen können, es gibt die bereits erwähnten Solarcarports usw., sodass in Zukunft ausreichend verfügbare Außenfläche genutzt werden kann.

Laut Industriemagazin gibt es in Österreich „130 km2 an brachliegenden Industrieflächen. Inklusive Gewerbeflächen und leer stehenden Häusern beträgt die verbaute, aber ungenutzte Fläche mehr als 400 km2.“ Das heißt, schon ein Viertel dieser brachliegenden Flächen genutzt für die Solarerzeugung erzeugt die Energie, die für die Umstellung der gesamten Pkw-Flotte auf E-Mobilität bis 2050 benötigt wird. Unrealistisch?

Nicht, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen und Energie- sowie Mobilitätswende gleichzeitig vorantreiben. Das ist jedoch nur möglich, wenn nicht die E-Mobilität als realistischer Ausweg aus der Klimakrise mit irreführenden Argumenten bekämpft und damit gebremst wird, sondern sich jeder von uns, Bürger oder Wissenschaftler, Gedanken macht, wie man den Übergang auf fossilfreie Technologien beschleunigen kann.

DER AUTOR

Heimo Bürbaumer studierte Technische Physik und technische Wissenschaften im Bereich Energiephysik an der TU-Wien sowie Philosophie und Komplexe Systemtheorie an der Universität Wien. Er arbeitete in der Energieforschung, danach mehrere Jahre als internationaler Unternehmensberater und seit 2008 als Experte für Energiewende und Klimapolitik.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2017)

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