Der lange Schatten von „Licht ins Dunkel“

Selbstbestimmung statt Mitleids: Der ORF erzeugt ein falsches Image von Behinderung.

Die Aktion „Licht ins Dunkel“ ist ein zweischneidiges Schwert. Ihre Spendenaufrufe bringen nicht nur Geld, sondern auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich.

Als ich zehn Jahre alt war, erhielt ich als Kind im Rollstuhl von „Licht ins Dunkel“ einen Zuschuss für einen Treppenlift. Selbstverständlich war die finanzielle Hilfe eine wichtige Erleichterung, für die ich dankbar war.

Überhaupt habe ich als behinderter Mensch im Laufe der Jahre viel bekommen: Völlig fremde Menschen drückten mir Rosenkränze und Gebetsbücher, die eine wundersame Heilung versprachen, in die Hand. Andere steckten mir zwei Euro zu und spendeten Worte des Mitleids. Ich hätte es schließlich, so wie alle Behinderten schwer im Leben, „Licht ins Dunkel“ zeige das, erklärte einmal ein Wohltäter, während er mir den Kopf tätschelte, wie zuvor seinem Hund. Die ORF-Werbekampagne für „Licht ins Dunkel“ funktioniert also gut, so gut, dass nicht nur Geld gespendet wird, sondern auch viele andere Dinge.

Diese Gaben sind oft nicht nur ungewollt, im schlimmsten Fall wird man durch sie auch erst recht behindert. Ein Firmenchef, der im Rahmen einer „Licht ins Dunkel“-Sendung die großzügige Spende an eine Behindertenwerkstatt kundtut, wirkt mehr als zynisch, wenn man als junger arbeitswilliger Mensch im Rollstuhl einen Job sucht und von eben dieser Firma abgelehnt worden ist, da die Räumlichkeiten nicht rollstuhlgerecht seien. Die Aufforderung sich via Internet über „Licht ins Dunkel“ zu informieren, verkommt für blinde und sehbehinderte User zum schlechten Witz, wenn die Seiten nicht barrierefrei programmiert sind.

Geldspenden lindern für den Moment die ärgste Not. Das durch „Licht ins Dunkel“ erzeugte Bild der Hilflosigkeit wirft seine Schatten noch immer, auch wenn es vonseiten der Verantwortlichen Bemühungen gibt, die Spendenaufrufe neutraler zu gestalten.


Gelebter Public Value?

Wenn nun ORF-Generaldirektor Wrabetz beim diesjährigen Start des „Licht ins Dunkel“-Spendenmarathons sagt, „Licht ins Dunkel“ sei gelebter Public Value, also ein sogenannter gesellschaftlicher Mehrwert, kann ich ihm nur zum Teil recht geben. Die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements in Form einer Spendenaktion ist sicher gesellschaftlich wünschenswert, das dadurch erzeugte Image von Behinderung wohl eher nicht. Der ORF könnte viel tun, um den Schatten des Mitleids, den die Spendenmaschinerie fast zwangsläufig erzeugt, wieder einzudämmen.

Viel wäre schon bewirkt, würde der ORF dem von „Licht ins Dunkel“ miterzeugten Image behinderter Menschen eines der Selbstbestimmung und des Engagements entgegenstellen. Durch die Einbindung behinderter Journalisten, die aufgrund ihrer eigenen Betroffenheit viel mehr Erfahrung und Wissen zum Thema als viele ihrer nicht behinderten Kollegen haben, würde man die Repräsentation behinderter Menschen fördern und damit auch mehr des von Generaldirektor Wrabetz beschworenen Public Value erzeugen. Ansätze in diese Richtung gibt es, aber nur vereinzelt und nicht strukturiert. In der Berichterstattung über Behinderung soll das schwerbehinderte pflegebedürftige Kind genauso vorkommen wie der Goldmedaillengewinner bei den Paralympics. Vor allem aber brauchte es eine Darstellung des Lebens behinderter Menschen, in der es um Familie und Freunde geht, um Partnerschaft und das Leben in der Gemeinschaft und um die Barrieren, die es zu überwinden gilt, um all das zu erreichen. Dies würde für viele Menschen Licht ins Dunkel der falschen Vorstellungen von Behinderung bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2009)

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