Gastkommentar

Doch ab 50 gilt das plötzlich nicht mehr

Auf der Arbeitslosenmesse in Wien Brigittenau versuchten ältere Menschen, neue Hoffnung zu schöpfen.

Ein ehemaliger Rauchfangkehrer weigert sich, das Formular auszufüllen. Er steht nur im Weg herum und schimpft: „Sind die Stellen unbefristet? Nein? Dann bewerbe ich mich auch nicht!“

Eine ältere Arbeitslose, mit einer Wunde unter dem Auge, versucht ihn freundlich zu überzeugen, dass es besser wäre, wenn er mitmachte. Ein ehemaliger Nachrichtentechniker, der eine hohe Notstandshilfe erhält, nach langen Arbeitsjahren des guten Verdienstes, fragt sich, warum er im Alter einen schlecht bezahlten Job annehmen soll? Sein Gesicht zuckt vor Nervosität, als er sich zum Tischchen des Arbeiter-Samariter-Bundes setzt, der Mitarbeiter sucht.

Auf der Messe für ältere Arbeitslose in Wien Brigittenau konnte man vergangene Woche Hunderte arbeitsloser Menschen über 50 Lebensjahre sehen – abgeschrieben vom Arbeitsmarkt, doch zu jung für die Pension. „Nein, Herr Kurz will allein die Mindestsicherung kürzen, nicht die Notstandshilfe“, sagt der Nachrichtentechniker. Denn nur die armen Lohnaufstocker gehörten bestraft, aber doch nicht solche Menschen wie er, die über 800 Euro Notstandshilfe erhalten.

Leute, die jahrzehntelang gehackelt haben, sogar solche mit Studium. Dafür hat er Kurz schließlich gewählt, dass er den Flüchtlingen finanzielle Unterstützung wegnimmt und dieses Füllhorn dann über den gebürtigen Österreichern ausschüttet.

 

Schon bessere Zeiten gesehen

Unverschuldet in Notlage. Existenziell bedroht. Eine fesche Dame mit schwarzer Ponyfrisur und künstlichen Augenbrauen meint, unter 1500 Euro netto könnte sie wohl wirklich nichts annehmen – denn wie soll sie sonst die Wohnung bezahlen? Auch sie hat schon bessere Zeiten gesehen und will eigentlich gar nicht wahrhaben, in welchem Umfeld sie gelandet ist.

Andere sind realistischer unterwegs. Eine Migrantin, die sich ächzend niedersetzt und vor Rückenschmerzen stöhnt, bewirbt sich beim AKH. Ein Kranfahrer regt sich auf: „Das sieht keiner, was wir geschafft haben. Kranarbeit ist gefährlich und verantwortungsvoll. Ich habe sogar den Staplerführerschein nachgemacht – Stapeln ist Millimeterarbeit. Das sieht keiner.“

 

Täglicher Kampf gegen Armut

Der Kranfahrer, der weder lange sitzen noch stehen kann, weiß nicht, welchen Job er sich aus der Liste aussuchen soll. Das Angebot ist für gesundheitlich vorbelastete Menschen zum Teil eine Verhöhnung („24 Abwäscher gesucht“), andererseits gibt es auch interessante Möglichkeiten auf der Liste.

Um die Tische der Seniorenwohnhäuser, an denen elegante Damen warten, machen alle einen großen Bogen. Denn wer jetzt noch keinen gesundheitlichen Schaden hat, möchte sich beim Heben schwerer Pensionistinnen auch keinen holen.

Die dafür notwendige Kraft und Energie bringen Menschen nicht auf, die täglich gegen die Armut ankämpfen und die von der kommenden Regierung befürchten, dass sie sie in noch ärgere Existenznöte stoßen könnte. Denn die Idee für 20.000 Jobs stammte schließlich vom bisherigen Bundeskanzler, Christian Kern – und wird nun wohl in der Versenkung verschwinden.

Das gesellschaftliche Grundproblem wird so nicht gelöst. Nämlich, dass arbeitende Menschen lange Jahre für ihre Unternehmen Leistung erbracht haben, die teilweise über ihre Grenzen ging, und nun mit den Folgen konfrontiert sind.

Die Arbeit ist schlecht verteilt. Dem ist gesellschaftliche und soziale Anerkennung sicher, der Leistung erbringt. Doch ab 50 gilt das plötzlich nicht mehr. Es ist für viele hier neu, sich plötzlich als Feind zu fühlen.

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien. Unter anderem schreibt sie für die Obdachlosenzeitung „Augustin“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2017)

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