Kontra: Burschenschaftler schlicht nicht satisfaktionsfähig

Die Korporationen als Scharnier zwischen Rechtsradikalismus und neonazistischem Milieu.

Österreich ist ein merkwürdiges Land. Am heutigen Abend werden Burschenschaftler der im Wiener Korporationsring (WKR) zusammengeschlossenen „Olympia“, „Cimbria“ und „Teutonia“ in der Hofburg das Tanzbein schwingen. Das ist in etwa so, als würde die rechtsextremistische Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ihre nächste Party am 9.November im Berliner Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, abhalten.

All diese Korporationen spielen eine zentrale Rolle als Scharnier zwischen dem gerade noch legalen Rechtsradikalismus und dem offen neonazistischen Milieu. In einem Land, das der auch in Deutschland nur partiell wirksamen „reeducation“ der Alliierten allein schon durch die Lüge von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus entging, gehören selbst Politiker, die in solchen Gruselvereinen assoziiert sind, zum normalen Inventar der Nation. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sie mit sozialdemokratischen und konservativen Stimmen in höchste Staatsämter gewählt werden.

Die „Olympia“ hat Holocaust-Leugner wie David Irving auf ihre Buden eingeladen – und Nazi-Barden wie Jörg Hähnel und Michael Müller. Kostprobe gefällig? „Mit sechs Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis sechs Millionen Juden, da bleibt der Ofen an.“

 

Auf dem Terrain der Nationalisten

Der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf ist bis heute stolzes Mitglied dieser Verbindung. Über einen der wichtigsten Nazis Österreichs, der in Italien in Abwesenheit wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sagt er: „Ich habe Norbert Burger immer geschätzt und tue das auch über den Tod hinaus.“

Einige Gegner des WKR-Balls machen nun allerdings den Fehler, dass sie sich auf das Terrain der Nationalisten begeben. Wäre es nur das von vielen Protestierenden beschworene „Ansehen Österreichs im Ausland“, das durch den Ball beschädigt würde, warum sollte man sich bei Minusgraden auf Demonstrationen die Beine in den Bauch stehen? Wäre es nicht geradezu wünschenswert, wenn das Ansehen eines Landes, das als eine Art postnazistische Kleinfamilie seit 60 Jahren die Resultate des Nationalsozialismus mal großkoalitionär, mal unter direkter Mitwirkung der FPÖ verwaltet, ein klein wenig leidet?

 

Ganz normale Partner?

Sollten „Nestbeschmutzung“ und „Vaterlandsverrat“, die von den deutschnationalen Recken ebenso gern als Vorwurf bemüht werden wie von austropatriotischen Heimattümlern, nicht die vornehmsten Disziplinen eines jeden Menschen sein, der die Unterordnung unter nationale Kollektive schon aus Gründen der Selbstachtung für verwerflich erachtet?

Doch es geht um mehr – nämlich um die Frage, ob die Rechtsradikalen aus dem miefigen Burschenschaftlermilieu weiterhin als „drittes Lager“ zum integralen Bestand dieser Republik gerechnet werden. Solange es sowohl in der Sozialdemokratie als auch in der ÖVP gewichtige Stimmen gibt, die sich die Option einer Koalition mit der FPÖ nach den nächsten Wahlen unbedingt offenhalten wollen, wird sich daran nichts ändern.

Das Problem in diesem Land ist, dass Mitglieder von Burschenschaften wie der „Olympia“ in den Medien als ganz normale Diskussionspartner durchgehen. Mit deutschvölkischen Burschenschaftlern sollte es aber nichts zu debattieren geben, sonst erklärt man ihre antisemitische Ideologie und ihre abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit für diskutabel. Solche Leute sind schlicht nicht satisfaktionsfähig.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Herausgeber des Buches „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21.Jahrhundert“, das 2012 im ça-ira-Verlag erscheint.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2012)

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