Wie links ist der ORF? Geht es um Wahrnehmung oder Empirie?

Nur einen Tag das Programm von Ö1 oder FM4 zu verfolgen ist zu wenig, um dem ORF einen Linksdrall zu attestieren.

Es gehört im konservativen und freiheitlichen Lager längst zum guten Ton, sich über den „unübersehbaren Linksdrall in der heimischen Medienszene“ zu beklagen. In der jüngsten Nummer der CV-Zeitschrift „Academia“ tut genau das Chefredakteur Wilhelm Ortmayr – und macht im Editorial klar, dass mit diesem Vorwurf in erster Linie die Berichterstattung im ORF gemeint ist. „Academia“ widmet dem „Linkswalzer“ auf Österreichs Medienparkett ein ganzes Heft, doch den empirischen Beweis für diese Klage bleibt es schuldig. Jedenfalls ist es ein wenig dürftig, einen Tag lang das Programm von Ö1 oder von FM4 zu verfolgen und aus diesem Hörerlebnis dann die Linkslastigkeit des Hörfunks zu konstatieren.

Es stimmt schon, dass man als häufiger Konsument der Hörfunkjournale eine gewisse politische Schlagseite wahrzunehmen vermeint, etwa wenn ständig Vertreter von linken NGOs als vermeintliche Zeugen des Wahren und Guten interviewt werden. Trotzdem, das ist Wahrnehmung, nicht Empirie. Für einen untermauerten Vorwurf einer eindeutigen Linkslastigkeit des ORF und seines Hörfunks bräuchte es schon eine langzeitige und umfassende Untersuchung der Berichterstattung, keine Momentaufnahme.

Die interessanteste Lektüre in dem Heft ist der Aufsatz des früheren „ZiB 2“-Redakteurs und heutigen Filmregisseurs Wolfgang Ritzberger, der nach allen Seiten austeilt. Ritzberger geißelt die „Ignoranz, komplette Fehleinschätzung hinsichtlich gesellschaftspolitischer Wirkungen und völlige Ahnungslosigkeit der Medienpolitik der ÖVP“ ebenso wie den heutigen „Mainstream, der keinen Widerspruch mehr duldet“. Der ORF, so Ritzberger, „hat mittlerweile nicht nur die frühere Breite, sondern auch seine Funktion als Leitmedium eingebüßt“. „Die Meinungsblogs sogenannter konservativer Journalisten, meist frühere Chefredakteure“, hält er für „zu Geld gemachtem Frust“. Und seiner Meinung nach sollte „gezielte Medienpolitik die Vielfalt fördern, nicht den Einheitsbrei.“

Der Programmchef von Servus TV, Ferry Wegscheider, wiederum zeigt sich in einem Interview mit dem journalistischen Nachwuchs unzufrieden: „Sie rennen den Mainstream-Geschichten nach und denken wenig nach, ob es nicht auch eine andere Sicht der Dinge geben könnte. Die Jungen sind digital sozialisiert und hängen völlig an den vermeintlichen Erkenntnissen des Internets.“

Die Vierteljahreszeitschrift „Europäische Rundschau“ hat eine Serie über Antisemitismus in Europa gestartet und berichtet in der Nummer 1/2019 über die Lage der Juden in Deutschland, der Schweiz, Slowakei und Großbritannien. Tatsächlich zeigen immer neue Studien und regelmäßig aufflackernde Diskussionen in vielen europäischen Ländern, dass der Hass auf Juden kein abgeschlossenes Thema der Vergangenheit ist, sondern immer wieder und fast überall hochkochen kann. Die drei Stereotype des Antisemitismus („Juden zerstören die soziale Harmonie, sie zetteln Verschwörungen an und entwickeln rücksichtslosen Fanatismus“), von denen Stephan Sattler berichtet, scheinen unausrottbar.

Diskussionswürdig sind die Thesen des Antisemitismusforschers Samuel Salzborn. Er argumentiert in seinem Beitrag „Antiisraelischer Antisemitismus“ grob vereinfacht interpretiert, dass jedweder Kritiker Israels gleichsam automatisch ein Antisemit sei. Genauso sähe das auch Israels langjähriger Regierungschef Benjamin Netanjahu gern. Dagegen scheut sich Hans Rauscher in seinem Text nicht, auf die „ungerechte und längerfristig auch für Israel selbst kontraproduktive Politik“ Netanjahus hinzuweisen.

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2019)

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