Das Eismonster kalbt!!!

Die Sau ferkelt ab, Kühe kalben und Gletscher auch. „Komische Sprache!“

Liebe Kollegen, wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck. Wie klingt das im Wiener Sommer? Ich bin in Argentiniens tiefem Süden, in Patagonien, und mir geht dieses minimalistische Lied von Peter Licht nicht aus dem Kopf: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf'm Sonnendeck, Da wo der Gletscher kalbt, Wo die Sekunden ins blaue Meer fliegen ...“.

Das liegt natürlich daran, dass ich in El Calafate war. Es gibt viele Leute, die El Calafate als Touristenfalle verachten. Tatsächlich ist der Ort in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen und lebt fast ausschließlich vom Tourismus, der in den Gletscher-Nationalpark Los Glaciares strömt.

Es gibt aber fast niemand, der nicht zutiefst beeindruckt aus diesem Nationalpark zurückkehren würde: Wir hatten zwei Tage Zeit für den südlichen Teil und die Gletscher. Okay, der Riesenkatamaran mit 200 lauten und dauerknipsenden Touristen war ein wenig nervig. Aber wie sonst sollte man den gigantischen Lago Argentino befahren, ein Binnenmeer, das ungefähr so groß ist wie Bodensee, Genfer See und des Plattensee zusammen? Mir jedenfalls waren die dampfplaudernden Italiener egal, gegen Mittag badete ich meinen felsgeschundenen Körper in der Sonne Patagoniens und meine Füße im eisigen Gletscherwasser, während hinter mir kleine Eisberge durch die Onelli-Bucht schwebten.

Danach manövrierten wir durch überirdisch blau leuchtende, bizarr geformte Eisbergfelder. Dann fischte ein Matrose ein Stück uraltes Eis aus dem See und servierte „Whiskey on the millenary rocks“. Und ich sang den ganzen Tag das Elektro-Liedchen von Peter Licht.

Tags darauf dann die Enttäuschung. Wir standen vor dem Gletscher Perito Moreno. „Ich würde ihn so gern kalben sehen“, seufzte ich. „Kalben?“, schaute Isona mich grillengesichtig an. „Ja, kalben. So wie werfen. Oder abferkeln.“ „Ferkeln? Werfen?“ „Abferkeln, so heißt es, wenn die Sau ihre Ferkel bekommt.“ „Spanferkel?“ „Nein, die Sau ferkelt ab, Kühe kalben – und Gletscher eben auch.“ „Was für eine komische Sprache“, meinte Isona.

Ja. Und völlig nutzlos, wenn man tausende Kilometer gereist ist, um den imposantesten Gletscher der Welt kalben zu sehen und dann wie der Ochs vorm Berge zu stehen, denn die fünf Kilometer breite, 30 km lange und 60 Meter hohe Eisfront blieb still und starr.

Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Diabolisch trällerte ich Isona „Da wo der Gletscher kalbt“ ins Ohr, als es geschah. Die Sonne kam heraus! Wenige Minuten später: Ein Knall, ein Donnern, ein Splittern. Dann zischte es, schlug eine Welle. Und schäumend verschwand der Eisturm in der blauen Tiefe. Der Gletscher kalbte.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2007)

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