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Die Steine auf dem Herzen

Glück. Da haben schon genug Leute dazu philosophiert. Dabei ist die Sache einfach. Und wer tendenziell hypersensibel ist, hat halt oft a Pech.

Auch ein Moment des Glücks, nicht zuletzt für den Betrachter: Das erste Mal am Meer, diesfalls in Holland, und es muss ja nicht immer im Sommer und an der Adria sein.
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Auch ein Moment des Glücks, nicht zuletzt für den Betrachter: Das erste Mal am Meer, diesfalls in Holland, und es muss ja nicht immer im Sommer und an der Adria sein.
Auch ein Moment des Glücks, nicht zuletzt für den Betrachter: Das erste Mal am Meer, diesfalls in Holland, und es muss ja nicht immer im Sommer und an der Adria sein. – Greber

Ach, Glück, diese Wärme im Herzen, in der Magengrube. Man hat dazu ja schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben und vollphilosophiert, es gibt Myriaden an Zitaten von Aristoteles über Kierkegaard bis Zoroaster, aber lass' ma das. Ich bin keiner jener, die fremde Etiketten demonstrativ an ihre Rede heften.

Glück ist einfach, wenn es einem, warum auch immer, gut geht, und das muss primär gefühlt werden: Wenig nervt mehr, als etwa zu hören: „Du musst doch glücklich sein, wie gut du lebst, schau andere an!" Man lebt nämlich im eigenen Leben, nicht im Vergleich, also ist die externe Glücksquelle schwer objektivierbar und das Gefühl auch von der sprichwörtlichen Brille abhängig, mit der man das Leben betrachtet.

Da gibt's ja etwa Leute, die sind so hypersensibel, dass sie überall etwas Böses, Beleidigendes, Diskriminierendes und so weiter wittern, diese Prinzessinen auf der Erbse - oder, noch schlimmer: die Prinzen und Prinzessinen ohne Erbse. Also jene, die eine Erbse unter der Matratze spüren, auch wenn sie in Wahrheit gar nicht vorhanden ist. Diese Leutchen gibt es etwa haufenweise in der Political-Correctness-Ecke, aber lassen wir das. Die hören das nicht gern und sind dann wieder aggressiv unglücklich.

Letztlich gilt: Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut.

Oft ist es bloß Abwesenheit von Störendem, etwa von Wichtigtuern, von Quenglern, von Menschen ohne Gefühl für schöne Landschaften und von Zeitgenossen, die übers Essen jammern. Gern ist Glück mit einem Ort vermählt: Etwa mit jener stillen Wiese am Pfänder oberhalb von Bregenz, etwas abseits eines Wanderweges hinab in Richtung des Weilers namens "Fluh", von wo aus man an einer steil abfallenden Geländekante genial über den Bodensee bis tief hinein nach Süddeutschland sieht, ich verrate diesen Ort sicher nicht. Oder mit jenem Ufer eines Sees in den Anden Südchiles, wo ich vor etwa 16 Jahren in einer schwierigen Zeit Wein trank, Wurst und Käse aß, auf schneebedeckte Vulkankegel schaute und das trübe, grausliche Wien und viele böse Typen dort weit, weit weg hinter dem Ozean in sich selbst granteln und ellenbogenstoßen wusste.

Glück ist, zu erleben, wie unser Bub aufwächst, von dem Moment an, da man ihn aus dem Bauch geholt und er losgequietscht hat, bis zu vorgestern, als er mich aufgeregt anrief: „Papi, das Christkind war da, es hat den Adventkalender aufgehängt!" Oh weh: Bald weiß er, was wirklich los ist, dachte ich. Glück ist nämlich auch Freude an Illusionen, und es währt selten allzu lang.

Und schon lagen mir wieder Steine auf dem Herzen. (wg)

Reaktionen an: wolfgang.greber@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2017)

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