Glosse

Auf die Deutsche Bahn geraten

In Deutschland gab es etwas zu feiern: Nach 26 Jahren Planen und Bauen konnte die Bahn endlich ihre schnelle Strecke von Berlin nach München einweihen.

Ein „Meilenstein“ und ein „historisches Projekt“, jubelten Politiker und Bahnmanager über sich selbst. Blöd nur, dass bei der Jungfernfahrt der ICE mit über 150 Ehrengästen in einem Tunnel festsaß. Wegen der technischen Panne kamen sie erst nach Mitternacht an. Statt der gepriesenen vier Stunden brauchten sie sechs – so lang wie bisher. Übrigens wären auch dreieinhalb Stunden locker drin, hätte nicht einst ein Landesfürst von Thüringen bei Kanzler Kohl einen 90-Kilometer-Umweg über Erfurt durchgedrückt, über hohe Berge und durch tiefe Täler. Die Politposse kostete viele zusätzliche Milliarden und einige Jahre Bauzeit. Zudem bindet die selbstherrliche Streckenführung nicht mehr, sondern weniger Ossis an das „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ an. Nachschlag? Gern: Das Chaosprojekt Stuttgart 21 kostet eine zusätzliche Milliarde und verzögert sich um ein weiteres Jahr. Wie man seine Kunden tröstet, hat die Deutsche Bahn aber gelernt: Im festsitzenden Festzug floss der Glühwein in Strömen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2017)

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