Apokalyptiker werden gern gehört

Das gilt gerade auch in Bezug auf Religiosität. Doch, welch Wunder: Der Glaube an ein Leben nach dem Tod nimmt nicht ab – sondern zu.

Alles geht den Bach hinunter, alles scheint dem Untergang geweiht. Immer weniger Österreicher gehören der katholischen (und der evangelischen) Kirche an, immer weniger feiern regelmäßig die Sonntagsmesse mit, immer weniger lassen sich zum Priester weihen, immer weniger legen ein Ordensgelübde ab. Immer mehr immer weniger also. Apokalyptikern wird mit Leidenschaft zugehört. Ob das dem schwer erklärbaren Sich-genussvoll-in-ein-Gefühl-des-Schauderns-Hingebens geschuldet ist? Oder ob es als Auftrag gesehen wird, im Sinne einer Selfdestroying Prophecy zu handeln? Untergangspropheten gibt es auch und gerade, was die Kirche im Speziellen und Religiosität im Allgemeinen betrifft. Mit defätistischem Zungenschlag müssen Jahr für Jahr von Amtsträgern einschlägige offizielle Statistiken kommentiert werden.

Die neue Europäische Wertestudie scheint zunächst vom selben Tenor getragen zu sein. Da wird nicht zum ersten Mal die Entkopplung von Glaube und religiöser Praxis konstatiert. Zwischen den Jahren 1990 und 2018 ist die Zahl jener Personen, die angeben, ein Mal pro Woche einen Gottesdienst zu besuchen, von 19 auf 15 Prozent gesunken. Ja, wir nehmen es zur Kenntnis. Und was genau sagt uns das? Dass die Entchristlichung Österreichs und Europas weiter voranschreitet? Kann sein, muss aber nicht sein.

Man kann es auch so sehen: Durchaus interessant, dass es einer Großorganisation gelingt, trotz generell abnehmender Bindungen und einem größer gewordenen Angebot auch in der Sparte Spiritualität, allwöchentlich 15 Prozent der Österreicher zur Teilnahme an Messen bis in den kleinsten Winkel des Landes zu bewegen. Wir sprechen noch dazu von einer Veranstaltung, die in extremis ritualisiert und formalisiert ist. Man könnte auch sagen, die im Ablauf und der verwendeten Sprache erstarrt ist. Und, seien wir ehrlich, sie hat auf verstörende Weise mit der konkreten Lebenswelt und -erfahrung draußen vor der Kirchentür nicht allzu viel zu tun.

Trotzdem und gleichzeitig in einer Welt voller verwirrender Gleichzeitigkeiten: Fast zwei Drittel der Österreicher (konkret 63 Prozent) bezeichnen sich heute selbst als religiös. Religion als reine Privatsache zu sehen, die in der Gesellschaft überhaupt keine Rolle mehr spielen darf, wäre angesichts dieser Daten naiv bis fahrlässig. Mehr noch, die Zahl derer, die ausdrücklich an ein Leben nach dem Tod glauben, ist innerhalb von fast drei Jahrzehnten gestiegen (!), von 44 auf 53 Prozent. Ähnliches gilt für den Glauben an einen Himmel, den aktuell vier von zehn Österreichern teilen (41 Prozent nach 39 Prozent im Jahr 1990). Es gibt also tatsächlich ein Leben nach dem Tod für die vielfach totgesagten Religionen.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2018)

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