Papst Franziskus, eine Enttäuschung

Mit einer konventionellen, konkrete Maßnahmen, Selbstverpflichtungen und Sanktionen weitgehend aussparenden Rede hat das Kirchenoberhaupt den dreieinhalbtägigen Missbrauchsgipfel im Vatikan beendet. Befreiungsschläge sehen anders aus.

Ja, der Papst hat recht. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche begegnet uns tatsächlich als ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Ja, der Papst hat recht, in der überwiegenden Zahl der Fälle kommen die Täter aus dem engeren oder engsten familiären Umfeld der Opfer. Ja, der Papst hat wieder recht. Kinder wurden in der Vergangenheit bei heidnischen Riten geopfert.

Nur: Dass Papst Franziskus am Sonntag die genannten Fakten anführt, mit dem Finger zuerst in diese und jene Richtung zeigt, bevor er erst Gewalt in der katholischen Kirche anspricht und anprangert, muss wie eine Minimierung oder Relativierung dieser Taten anmuten. Trotz gegenteiliger Beteuerungen.

So konkret die Vorwürfe gegen die Gesellschaft formuliert sind, so unkonkret und dünn sind Vorschläge, wie Missbrauch in der katholischen Kirche aufgearbeitet und verhindert werden soll. Hehre, im Grunde aber natürlich völlig selbstverständliche Absichtserklärungen sind es - mehr ist auch beim besten Willen aus den Worten des Papstes nicht herauszulesen. Auch von Pater Federico Lombardi, dem Moderator des dreieinhalbtägigen Missbrauchs-Gipfels, später nachgereichte eher vage Pläne über allenfalls folgende Maßnahmen zeigen, wie unerträglich langsam im Vatikan die Uhren ticken.

Die Rede von Papst Franziskus enttäuscht also auf eine so nicht zu erwartende Art. Sie ist beileibe kein Befreiungsschlag in einer für die katholischen Kirche überaus heiklen Situation. Franziskus scheint gefesselt. Entweder durch die Macht der vatikanischen Kurie, die ein Einbekenntnis des eigenen Versagens nicht verkraften kann, durch nur scheinbar unveränderbare Strukturen, oder durch eigene Phantasie- und Mutlosigkeit. Das Thema Missbrauch ist nicht erledigt. Eine Rede wie diese, nur feiner geschliffen und theologisch gründlicher fundiert, hätte auch ein Papst Benedikt hingelegt.

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