Sperrt endlich die Kindergärten zu!

Die Kindergärtnerinnen sind die Stiefkinder der Bildungspolitik. Es ist höchste Zeit, dass sie mit mehr Selbstvertrauen um ihre Anliegen kämpfen.

Am Samstag haben die Kindergärtnerinnen protestiert. Wer nichts davon bemerkt hat, muss sich keinen Vorwurf machen.

Nichts hätte das Problem der heimischen Kindergartenpädagoginnen besser auf den Punkt gebracht, als die Art und Weise, wie sie ihren Protest organisiert haben: Während die Lehrergewerkschafter einen ähnlichen Aufstand wohl an einem Vormittag mitten in der Schularbeitszeit angesetzt und die Ärzte an den Medizin-Unis (wie schon einmal in diesem Jahr) gleich mit dem Ausfall aller Nachtdienste gedroht hätten, haben sich die Kindergärtnerinnen entschieden, am Wochenende zu demonstrieren. In ihrer Freizeit. Während alle Kindergärten geschlossen sind. Damit auch sicher niemand das Fehlen der Pädagoginnen bemerkt. Tja.

Das alles verrät nicht nur so einiges über das Selbstvertrauen der Kindergärtnerinnen – sondern lässt auch erahnen, welcher Stellenwert der Berufsgruppe in der aktuellen (Bildungs-)Debatte eingeräumt wird. Zu sagen, dass sie gar keinen Stellenwert hat, käme der Wahrheit ziemlich nahe. Die Kindergärtnerinnen sind die Stiefkinder der Bildungspolitik.


Warum dem so ist, ist leicht erklärt. Die Kindergärtnerinnen, die gern endlich nicht mehr als Tanten, sondern als echte Pädagoginnen wahrgenommen würden, stehen in Österreich bis heute in genau jenem Eck, in das man sie irgendwann einmal gestellt hat. Sie sind jene, denen man in der Früh das eigene Kind überantwortet, auf dass sie es untertags bekochten, bespaßten und beaufsichtigten. Der Gedanke, dass dazu nicht nur gute Nerven und ein freundliches Lächeln gehören, sondern pädagogisches Fachwissen vonnöten ist, hat sich in Österreich noch nicht durchgesetzt. Ebenso wenig wie die Forderung, den Kindergarten endlich als erste Bildungseinrichtung zu konzipieren.

Dass er aber genau das sein sollte, legen die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre ziemlich deutlich nahe. Die Krippen- und Kindergartenkinder werden nicht nur immer jünger, sondern stellen die Kindergartenpädagoginnen vor immer neue Herausforderungen. Vor allem im städtischen Bereich ist die Zahl der Kinder, die in nicht deutschsprachigen Haushalten aufwachsen, im Steigen begriffen. Parallel steigt die Zahl der Kinder mit ernsthaften Sprachdefiziten – übrigens auch unter jenen mit deutscher Muttersprache. Bei einem Viertel der Fünfjährigen wird Förderbedarf diagnostiziert, besonders hoch ist hier der Anteil der türkischen Kinder.

Für sie alle müssen sie Lehrerinnen, Erzieherinnen und nicht zuletzt ein Stück Elternersatz zugleich sein. Die Betreuungsquoten – also die Zahl der Kinder pro Pädagogin – sind dafür zu hoch, die Räume hingegen zu klein und die Gehälter zu niedrig. Letzteres ist – neben fehlender Wertschätzung und dem Generalverdacht, schwul, pädophil oder beides zu sein – einer der Hauptgründe, warum der Anteil an Kindergärtnern so gering ist. Insgesamt leidet die Branche an Personalmangel. Ob die Ausbildung tatsächlich mit einem akademischen Titel abschließen muss, sei dahingestellt. Reformiert gehört sie in jedem Fall. Wissenschaftlich ist die Elementarpädagogik an Österreichs Unis unterentwickelt.

Wenn Experten mahnen, dass gerade die jüngsten Kinder von den besten Pädagoginnen betreut werden müssen, veranlasst das die Politik zwar zu kollektivem Kopfnicken. Aber nicht zu echten Reformen. Diskutiert wird vor allem über zweite und dritte verpflichtende Kindergartenjahre – also über Strukturen. Allein: Wie erfolglos Strukturdebatten sein können, wenn man auf die Menschen vergisst, die in den Strukturen arbeiten, zeigt die heimische Schulreform. Eine echte Lobby haben die Kindergärtnerinnen nicht. Im Kompetenzwirrwarr zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist den Politikern das Gefühl, zuständig zu sein, irgendwo verloren gegangen. Auch einen Fritz Neugebauer der Elementarpädagogik gibt es nicht.

Die Kindergartenpädagoginnen sollten erneut protestieren. Aber bitte wochentags. Wenn erstmals österreichweit Eltern auf dem Weg zur Arbeit mit dem Nachwuchs auf dem Arm vor verschlossenen Kindergartentoren stehen, beginnt vielleicht auch jemand über all das nachzudenken

 

E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

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