Vergiftetes Vertrauen

Die Belastung von Lebensmitteln mit Umweltgift in Kärnten nimmt immer größere Ausmaße an. Das Krisenmanagement des Landes vermittelt bisher allerdings vor allem eines: Ratlosigkeit.

Bürger vor einer Informationsveranstaltung bezüglich der Emissionen des Umweltgifts HCB (Hexachlorbenzol) in Klein St. Paul.
Bürger vor einer Informationsveranstaltung bezüglich der Emissionen des Umweltgifts HCB (Hexachlorbenzol) in Klein St. Paul.
Bürger vor einer Informationsveranstaltung bezüglich der Emissionen des Umweltgifts HCB (Hexachlorbenzol) in Klein St. Paul. – APA (GERT EGGENBERGER)

Politikern darf man nicht alles glauben, lautet ein Stehsatz, der sich regelmäßig in diversen Rankings manifestiert. Immer wenn es darum geht, welchen Berufsgruppen man vertraut, schneiden Politiker schlecht ab. Nicht ganz zu Unrecht. Denn als Wähler weiß man, dass man Versprechen und rosige Prognosen nie ganz ernst nehmen darf. Aber es gibt Situationen, da ist man geneigt, Politikern wirklich zu vertrauen, und zwar, wenn es um akute Gefahr, um ein Gesundheitsrisiko geht. Denn derlei – so denkt man – darf und kann kein Politiker auf die leichte Schulter nehmen. Oder doch?

Der Satz des Kärntner Agrarlandesrates wird jedenfalls noch lang nachhallen. „Es ist keine verunreinigte Milch in Umlauf gekommen“, sagte Christian Benger (ÖVP) am 26.November. Inzwischen wissen wir: Das Gegenteil ist offenbar der Fall. Greenpeace ließ Milch aus dem Supermarkt testen – und das Labor wurde fündig. Der Grenzwert für das giftige Hexachlorbenzol (HCB) wurde bei einigen Proben deutlich überschritten. Für Konsumenten ein Schock.

Dem Freitagnacht dann der Ärger folgte. Die Lebensmittel, die „in den Verkehr gebracht worden sind“, erklärte der Kärntner Krisenkoordinator Albert Kreiner in der „ZiB2“, seien unbedenklich. Nachsatz: Allerdings würde das Land Kärnten vom Konsum von Lebensmitteln aus dem Görtschitztal abraten. Da würde man gern nur eines fragen, nämlich: Wie bitte? Denn entweder ist etwas unbedenklich oder nicht.

Und, so nebenbei: Wie soll der Konsument erkennen, welches Produkt aus dieser Region stammt? Tatsächlich ist das ein plumper Versuch, die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen. Motto: Ihr müsst schon selbst wissen, was ihr euch traut. Kreiner blieb weiters auch eine logische Erklärung schuldig, was Greenpeace-Proben von den angeblich zuverlässigeren amtlichen unterscheidet und warum das Land nicht schaffte, was für eine NGO offenbar keine Hexerei war – nämlich rasch zu handeln.

Wer wusste was? Nichts erklären zu können ist tatsächlich das, was das Kärntner Krisenmanagement derzeit vermittelt – das hat man jetzt auch im Bund bemerkt, der in ungewöhnlich scharfem Ton einen Bericht verlangt. Nachdem nämlich nun auch HCB in Wild, Rind- und Schweinefleisch gefunden wurde, herrscht endgültig Ratlosigkeit. Offen ist auch, seit wann das Umweltgift eigentlich freigesetzt wird: vermutlich seit mehr als einem Jahr.

Zusätzlich verdichtet sich der Verdacht, dass die Causa nur deshalb öffentlich wurde, weil die nun betroffene Molkerei freiwillig im Frühjahr ihre Milch auf Pestizidrückstände testete und Alarm schlug. Denn dem mutmaßlichen Verursacher wurde kein HCB-Test für Abgase vorgeschrieben: Als dieser gilt die lokale Zementfabrik, die Blaukalk von einer Chemiedeponie in der Region wiederverwertet. Die Umweltverträglichkeitsprüfung für dieses Altlastensanierungsverfahren wurde übrigens damals vom jetzigen Kärntner Krisenkoordinator abgewickelt.

Wer wann was wusste und nichts sagte oder tat, all das wird man untersuchen müssen, vor allem die Rolle des Chemie-Konzerns, von dem Deponie stammt, und über den bislang kaum geredet wurde. Vorerst aber muss man Klarheit über das Risiko schaffen. Der angerichtete Schaden ist bereits groß: Der Umgang mit der Causa bedient nämlich alle Vorurteile, die Generationen haben, die mit (globalen) Umweltskandalen aufgewachsen sind, über die oft schlecht und spät informiert wurde. Dazu kommt noch eine spezielle Emotion: Bei Lebensmitteln, vor allem bei Grundnahrung wie Milch, sind Konsumenten extrem sensibel. Umfragen zeigen, dass sogar nicht gesundheitsschädliche Rückstände große Verunsicherung auslösen. Was richtet dann ein echtes Risiko in den Köpfen an?

Nichts Gutes wohl, das werden unschuldige Milchproduzenten vielleicht bald merken. Denn in Kärnten ist zwar die Milch vergiftet, in ganz Österreich aber das Vertrauen.

ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)

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