Ein unkontrollierbarer Europoker

Die linken Syriza-Hasardeure haben Griechenland an den Rand des Bankrotts gebracht. Wenn sie nicht bald einlenken, klebt ihr Staat an der Wand – und die gesamte Eurozone wird erbeben.

Seit einem halben Jahr pflanzt die Traumtanztruppe, die in Athen regiert, den Rest der Welt. Immer wieder gaben Premier Tsipras und Finanzminister Varoufakis vage Reformversprechen ab, um sich dann doch auf nichts festzulegen. In einer Endlosschleife kehrten sie stets zu ihrem realitätsfernen Wahlschlager zurück: Money for nothing. Das linksradikale Duo infernal will Geld und Schuldenerlass, aber dafür nicht mehr ins Budget schneiden. Demnächst fällt der Vorhang in diesem absurden Theater. Die Griechen stehen vor dem Staatsbankrott: Ende des Monats wird nicht nur die Rückzahlung eines 1,5-Milliarden-Euro-Kredits an den Internationalen Währungsfonds (IWF) fällig, es läuft auch das europäische Hilfsprogramm aus.

Die Geduld endet. IWF-Chefin Lagarde will Griechenland keine Gnadenfrist mehr gewähren. Auch die EU-Finanzminister sind nur noch genervt. Neulich hielt der große Spieltheoretiker Varoufakis in ihrem Kreis einen Vortrag über die Schuldenbremse, auf die sich ohnehin längst alle Euromitglieder geeinigt haben, statt eine sinnvolle Reformliste vorzulegen. Man darf nicht vergessen: Die EU hat den Griechen schon Zugeständnisse gemacht. Bis 2020 muss Athen keine Tilgung an Mitgliedstaaten leisten und bis 2023 keine Darlehen aus dem Rettungsschirm zurückzahlen. Wahrscheinlich ist auch noch eine weitere Schuldenstreckung möglich, aber davor müsste Tsipras liefern.

Die Syriza-Hasardeure verfolgen die Verhandlungsstrategie hochmütiger Bettler, die drohen, sich in die Luft zu sprengen, wenn sie kein Geld bekommen. Sie scheinen eher bereit, ihr Land an die Wand zu fahren, als Dogmen über Bord zu werfen und den zweifellos harten Konsolidierungskurs der vergangenen Jahre fortzusetzen. Dafür zeigt in der EU keiner Verständnis mehr, außer Werner Faymann, vielleicht weil ihm das Verständnis fehlt, aber seine letztwöchige Solo-Irrfahrt nach Athen nahm außerhalb des Kanzleramts ohnehin niemand ernst.

Griechenland war vor dem Wahlsieg von Syriza auf einem schwierigen, aber richtigen Weg. Die Wirtschaft wuchs, jetzt schrumpft sie wieder. Tsipras hat wertvolle Zeit vergeudet und sein Land an den Abgrund geführt. Viele Griechen glauben nicht mehr an einen glimpflichen Ausgang des Dramas. Sie räumen ihre Konten leer, vier Milliarden Euro allein in der vergangenen Woche.

Und am Ende könnte eintreten, was keiner will: der Bankrott und der Euroaustritt Griechenlands. Auf positive Folgen der Drachmen-Abwertung müssten die exportschwachen Griechen lang warten, der Schock säße zunächst tief: Vermögen verlören über Nacht ihren Wert, die Wirtschaft bräche ein, Preise für Importe (die Hälfte aller Lebensmittel!) und Inflation stiegen gewaltig, soziale Unruhen folgten. Die EU könnte sich, selbst wenn sie Griechenland ausschlösse, nicht aus der Verantwortung stehlen und dem Zerfall des Staates tatenlos zusehen. Für den Euro wäre ein Grexit, anders als vor drei Jahren, vielleicht verkraftbar. Dennoch ginge ein Beben durch die Eurozone. Das wissen Tsipras und Varoufakis, deshalb pokern sie so rücksichtslos hoch. Ein gefährliches Spiel, das nun außer Kontrolle geraten könnte – zum Schaden aller.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2015)

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