Der Untergangsprophet und seine zerrüttete Partei

Donald Trump wandelte den Parteitag der Republikaner zu einer einzigen Ego-Show um. Kaschieren konnte der Nixon-Apologet die Spaltung nicht.

Republican presidential candidate Donald Trump (L) speaks as vice presidential candidiate Mike Pence claps at a post Republican Convention campaign event in Cleveland
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Republican presidential candidate Donald Trump (L) speaks as vice presidential candidiate Mike Pence claps at a post Republican Convention campaign event in Cleveland
Donald Trump – REUTERS

Aus den Boxen der Sportarena in Cleveland hallte nach Donald Trumps düsterer Brandrede ein programmatischer Song der Rolling Stones, und während der obligate Konfettiregen und die Luftballons in patriotischem Blau, Weiß und Rot auf die republikanischen Delegierten niedergingen, war die profunde Skepsis an der konservativen Parteibasis über ihren Präsidentschaftskandidaten kurz verflogen. Was mag indes in die ausgetüftelte Parteitagsregie gefahren sein, dass sie just „You Can't Always Get What You Want“ einspielte, eine Hymne des Verzichts und der Demut – und dies ausgerechnet zum Finale der Krönungsmesse des Narzissten und Egomanen, der sich zuvor als Retter der Nation stilisiert hatte, als Verfechter von Recht und Ordnung und als Vorkämpfer des „guten, alten Amerika“ gegen die Globalisierung?

Allem Bombast, Pathos und Protz zum Trotz wirkte die Inszenierung des Parteikonvents – der Verdichtung des Wahlkampfs zu einer viertägigen, grandiosen Polit- und Propaganda-Show – auch inhaltlich vorgestrig. Über weite Strecken dominierte Trumps Patchwork-Familie das politische Hochamt der US-Demokratie, und dies war mangels hochkarätiger Parteiprominenz à la George W. Bush, Mitt Romney oder John McCain noch das positivste und belebendste Element in einer großflächigen Hassorgie gegen Hillary Clinton – der Kitt, der die Fliehkräfte der einstmaligen Grand Old Party zusammenhält.

Dass am Ende obendrein Roger Ailes, der Zampano des konservativen Haussenders Fox News und als solcher ein Strippenzieher der Republikaner, zurücktrat, wirft ein weiteres Schlaglicht auf eine Partei, die so zerrissen und zerrüttet ist, dass ein exzentrischer Außenseiter, ein gnadenloser Populist und Opportunist wie Trump es in einem bizarren Ausleseprozess zu ihrem Kandidaten gebracht hat. Der Auftritt von Ted Cruz, seines erbittertsten Rivalen, als Brutus von der Bühne gebuht und mit Hasstiraden überschüttet, hat neuerlich die Spaltung der Republikaner manifestiert.

Wie ein Pokémon, einmal da und einmal dort, poppte Donald Trump während der vier Tage auf dem Parteitag auf, wo für den Präsidentschaftskandidaten traditionell doch nur der große Galaauftritt am Ende reserviert ist. Der so großspurige wie dünnhäutige Milliardär aus New York hat indes jedwede politische Orthodoxie ad absurdum geführt, Freund wie Feind vor den Kopf gestoßen und Verbündete wie die Nato-Partner in Europa alarmiert. Dass er mit Autokraten vom Schlage eines Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan kokettiert, überschreitet selbst die Toleranzschwelle europäischer Rechtspopulisten wie Geert Wilders oder Nigel Farage, Gästen des Parteitags.


Und doch folgt Trump einer populistischen, isolationistischen Tradition in den USA, die sich etwa vom Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst und vom Autoproduzenten Henry Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts herleitet – und die sich in ihrer Paranoia auf Richard Nixon bezieht. Wie Nixon beruft sich Trump auf die vermeintlich schweigende Mehrheit der frustrierten Amerikaner; und wie Nixon anno 1968, des Jahrs der Rassenkrawalle, Studentenunruhen, Anti-Vietnam-Kriegsproteste und der Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy, zeichnet er eine Welt von Terror, Kriegen, Tod, Zerstörung und der angeblichen Schwäche Amerikas. „Das ist das Erbe Hillary Clintons“, subsumiert Trump wie ein Untergangsprophet, der die Ängste seiner Landsleute ausschlachtet. Die „Washington Post“ apostrophierte ihn als „Kandidaten der Apokalypse“.

Nun, da der Wahlkampfzirkus von Cleveland nach Philadelphia zieht, wird es an seiner Kontrahentin liegen, dieses simplifizierte Bild von den USA und der Welt zu konterkarieren und eine optimistische Vision zu formulieren, wie dies eigentlich die Stärke der US-Demokratie ist. Viele Amerikaner, selbst aus dem eigenen Lager, trauen ihr nicht – und sie trauen der Polit-Veteranin nicht zu, neue Wege zu beschreiten. Sie wird die Parteiprominenz inklusive Barack Obama und Bill Clinton in Philadelphia auf sich einschwören, und mit vereinten Kräften werden sie sich gegen den republikanischen Schwadroneur in eine der irrwitzigsten und übelsten Wahlschlachten werfen, um ihm Einhalt zu gebieten und den Rolling Stones doch recht zu geben.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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