Die Arbeitslosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Nicht die Arbeitslosigkeit von Zuwanderern stellt die Gesellschaft vor eine Zerreißprobe: Es verlieren Menschen ihren Job, die nie damit gerechnet haben.

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Es heißt zwar, dass wir in Österreich in einem sehr egalitären Land leben, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht so extrem wie in den USA ist. Das stimmt, und das verdanken wir unserem auf Umverteilung basierenden Wohlfahrtsstaat. Dennoch war da immer eine imaginäre Grenze in unserer Gesellschaft. Auf der einen Seite jene, für die der Sozialstaat da ist, die es im Leben nicht so leicht haben, die nicht in ein wohlhabendes Haus hineingeboren wurden, die nach Österreich eingewandert sind. Auf der anderen Seite jene, denen ihre Herkunft eine sorgenfreie Kindheit, eine gute Ausbildung und einen bis dato sicheren Job beschert hat. Die brav ihre Steuern zahlen, sich über die hohe Abgabenbelastung mokieren, aber im Großen und Ganzen ein sorgenfreies Leben erwarten dürfen.

Diese imaginäre Grenze wurde in der Vergangenheit fast ausschließlich von unten nach oben überschritten. Durch sozialen Aufstieg nämlich. Es ist in diesem Land allen Unkenrufen zum Trotz möglich, sich ein besseres Leben zu erarbeiten. Von oben nach unten ging es hingegen glücklicherweise seltener. Doch heute findet ein sozialer Abstieg auch in Österreich statt – nicht nur in Griechenland oder Spanien.

Im vorigen Jahr verloren 13,8 Prozent mehr Akademiker ihren Job als 2015. Genauso dramatisch stieg die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit höherer Ausbildung. Und natürlich bei älteren Arbeitnehmern, die jahrzehntelang einen ordentlichen Job gemacht haben und denen plötzlich gekündigt wird – statt in den „wohlverdienten“ vorzeitigen Ruhstand einzutreten.


Diese Entwicklung hat vor zehn Jahren begonnen. Am 9. Jänner 2007 betrat ein gewisser Steve Jobs eine in Schwarz gehüllte Bühne und präsentierte ein Ding namens iPhone. Im schwarzen Rollkragenpullover und Jeans verkündete er: „Von Zeit zu Zeit findet eine Revolution statt, die alles verändert.“ Und Steve Jobs hatte mit diesem Satz nicht ein bisschen übertrieben. Das Smartphone sorgte für ähnliche Umwälzungen wie einst die Dampfmaschine oder das Automobil. Binnen eines Jahrzehnts veränderten sich Industrien, Arbeitsprozesse und der Blick auf die Welt.

Anfangs war dieses Smartphone ein Ding für das obere Ende der Gesellschaft. Ist es übrigens auch heute noch in gewisser Weise. Heute geht es allerdings nicht mehr um die Frage: Wer hat ein Smartphone? Sondern vielmehr: Ab wann hat ein Mensch ein Smartphone? Regelmäßig finden in den Wiener Schulen Vorträge über die Gefahren des Internets, über Cybermobbing und dergleichen statt. Für Experten bildet sich ein klares Bild. „In einer vierten Klasse Volksschule im siebenten Bezirk besitzt jedes Kind ein Smartphone“, berichten Vortragende. Nur hundert Meter weiter in Ottakring haben in einer Klasse mit Neunjährigen nur zwei Kinder überhaupt ein Handy – das allerdings nicht internettauglich ist.

Was passiert aber, wenn Menschen plötzlich ihren Job verlieren, die sich bisher nicht einmal vorstellen konnten, einen Tag ohne iPhone zu überleben? Genau vor diesem Phänomen stehen wir heute. Es sind nicht mehr die üblichen Klienten, die beim AMS vorstellig werden. Bauarbeiter oder Kellner, die sich damit arrangiert haben, von Zeit zu Zeit stempeln zu gehen, die damit umgehen können und wieder einen Job finden. Mehr als 800.000 Menschen verlieren in Österreich im Lauf eines Jahres ihren Job, die meisten von ihnen finden auch wieder einen. Aber immer öfter gibt es Menschen, die in die Langzeitarbeitslosigkeit abgleiten. Und es sind nicht nur Zuwanderer, die weder über Sprachkenntnisse noch über Qualifikationen verfügen.

Revolutionen haben die Angewohnheit, weder vor physischen noch vor imaginären Grenzen haltzumachen. Das gilt auch für die digitale Revolution. Sie hat sich still und heimlich in den guten Postleitzahladressen eingenistet. Anfangs raubte sie als technische Spielerei die Zeit, jetzt nimmt sie die Jobs – und schafft natürlich gleichzeitig auch viele neue.

Daran sollten wir denken, wenn es heute heißt, dass die Arbeitslosigkeit vor allem ein Produkt der Zuwanderung ist. Tatsächlich ist sie längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2017)

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