Wer den Freihandel verändern will, muss seinen Konsum überdenken

Auf den Freihandel hinhauen, ohne Alternativen anzubieten: Das ist gefährlich. Trump setzt auf Schockpolitik. Für Europa eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Morgens, halb neun, in einem österreichischen Supermarkt. Die Mandarinen kommen aus Spanien. Der Schnittlauch auch. Der Kaffee hat eine halbe Weltreise hinter sich, aus Afrika und Südamerika. Die Limonade in der roten Dose kommt von einer relativ bekannten US-Firma, wird aber lokal erzeugt und abgefüllt. Bezahlt wird mit der Karte einer Bankengruppe, die in zwölf Ländern aktiv ist. Die Währung kommt aus Frankfurt, gilt aber in 19 europäischen Staaten.

Raus in die Garage. Rein ins Auto. Made in Germany. Wo auch sonst. Nur ein Zwischenstopp noch. Das Volksbegehren gegen das Freihandelsabkommen mit Kanada unterschrieben. In der Schlange plaudert die grüne Radfahrbeauftragte mit dem blauen Einwanderungsgegner. Die EU – und damit Österreich – hat zwar längst 60 solcher Abkommen abgeschlossen. Mit dem Irak. Mit Ghana. Mit den Färöer-Inseln. Aber Kanada? Irgendwann muss Schluss sein! Da ist man sich einig.

War das zu polemisch? Aber wie soll man sich vernünftig über den Welthandel unterhalten, wenn man nicht einmal „Freihandel“ sagen darf, ohne dass die Emotionen hochkochen? Wo ist die Debattenkultur geblieben? Auf Twitter kündigen massenweise Möchtegern-Lenins den Endkampf gegen den Kapitalismus an – und halten es wohl für einen Erfolg des internationalen Sozialismus, dass ihr iPhone made in China ist. Im Weißen Haus sitzt, gelinde gesagt, ein Politiker neuen Typs und zerreißt jedes Abkommen, das er in die Finger bekommt. Aber was wollen die Gegner des freien Handels? Gefällt es ihnen, wenn die traditionsreiche Voest um ihre langfristige, durchaus erfolgreiche Strategie fürchten muss? Glauben sie im Ernst, dass das österreichische Arbeitsplätze sichert, statt sie zu zerstören? Wollen sie sehen, wie die Bayrischen Motoren Werke den Kopf einziehen und sich kleinlaut aus dem US-amerikanischen Markt verabschieden? Macht das den eigenen SUV in der Einfahrt irgendwie besser? Oder billiger?

Hier endet die Polemik. Das Volksbegehren, die Trump-Wahl, der Widerstand gegen die Abkommen Ceta und TTIP – all das kommt ja nicht ohne Grund. Die Amerikaner haben berechtigte Sorgen um die letzten verbliebenen Industriejobs, sollte die Entwicklung ungebremst weitergehen. Und die Österreicher machen sich sicherlich nicht grundlos Gedanken über die Qualität der Lebensmittel. Wir haben uns einen großartigen Lebensstandard aufgebaut. Ihn wollen wir nicht verlieren. Aber nur dagegen zu sein – das reicht nicht. Wer den Freihandel verändern will, muss auch seinen eigenen Konsum überdenken.

Trump weiß das natürlich. Der US-Präsident spricht mit gespaltener Zunge. Die bestehenden Abkommen findet er schlecht. Aber neue will er schon schließen. Was ihn wirklich stört: dass die US-Industrie in früheren Kernbereichen ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Trump will Cadillacs auf Berliner Straßen sehen und muss sich vom deutschen Wirtschaftsminister belehren lassen: „Dann baut doch bessere Autos!“ Trumps Strategie: die klassische US-Industrie durch eine künstliche Einschränkung des Freihandels dazu zu zwingen, sich wieder etwas einfallen zu lassen. Damit General Motors in Sachen Innovationskraft zu Tesla aufschließen kann – und eines Tages vielleicht sogar zu BMW. Gleichzeitig greift Trump zum Megafon und ruft: „Kauft amerikanisch!“

In Österreich, Deutschland und im restlichen Europa können wir einen anderen, weniger radikalen Weg gehen. Die Qualität ist in vielen Bereichen längst vorhanden. Die Autos sind gut. Die Nahrungsmittel sowieso. Freihandel und Kapitalismus ermöglichen es uns, durch den Konsum abzustimmen. Mandarinen aus Spanien werden die besten bleiben. Aber es kann sehr befriedigend sein, die Schuhe beim heimischen Schuhmacher zu kaufen statt bei der internationalen Billigkette. Sie halten auch länger. Gleichzeitig können heimische Unternehmen mit Qualität und Innovation auf dem Weltmarkt reüssieren und wachsen. Aber ohne Freihandel gibt es diesen Weltmarkt gar nicht.

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2017)

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