Leitartikel

Der endlose Albtraum in Afghanistan

Trumps Plan einer Truppenaufstockung wird helfen, den Vormarsch von IS und Taliban zu verzögern. Eine Lösung für die prekäre Lage bringt das aber nicht.

Ein afghanischer Soldat bei der Wache in Kabul.
Ein afghanischer Soldat bei der Wache in Kabul.
Ein afghanischer Soldat bei der Wache in Kabul. – REUTERS

Es ist der längste Militäreinsatz der US-Geschichte, in den US-Präsident Donald Trump nun weitere Soldaten schickt: Seit Oktober 2001 sind reguläre US-Einheiten in Afghanistan aktiv. Der damalige Präsident, George W. Bush, hatte sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entsandt: um Osama bin Laden und sein Netzwerk, al-Qaida, auszuschalten. Und um die Herrschaft der Taliban zu beenden, die bin Laden Unterschlupf gewährten und den Großteil des Landes mit einer Mischung aus strengkonservativen islamischen Vorstellungen und brutalen paschtunischen Stammesgesetzen regierten.

Heute, fast 16 Jahre später, ist bin Laden tot – umgebracht von einem US-Kommando, das 2011 sein Versteck im pakistanischen Abbottabad stürmte. Seine al-Qaida hat in Afghanistan an Einfluss verloren. Dafür erhebt nun aber eine neue, noch brutalere Jihadisten-Organisation in dem Land ihr Haupt: der sogenannte Islamische Staat (IS). Die Taliban sind erneut in weiten Teilen des Landes auf dem Vormarsch. Ihr Einflussbereich wächst stetig. Die extremistischen Gruppen verüben auch in der Hauptstadt blutige Attentate. Von Frieden, Stabilität und Sicherheit ist Afghanistan weit entfernt.

Trumps Entscheidung, die US-Truppen aufzustocken, wird helfen, die immer bedrohlichere Ausbreitung der Taliban und des IS zu verzögern. Das ist aus militärischer Sicht auch bitter nötig. Eine Lösung für die verfahrene Situation wird das aber nicht bringen. In dem Land am Hindukusch tobt nicht einfach nur ein ideologischer Kampf extremistischer Gruppen gegen die Regierung in Kabul und deren westliche Helfer. Bei den Gefechten mischen verschiedenste Gruppen mit: Warlords, Drogenbarone, Stammesmilizen, die offene Rechnungen mit der Zentralregierung oder dem oft korrupten Vertreter der Regierung in ihrem Gebiet haben.

Die internationalen Truppen und möglicherweise auch ein Teil der nun zusätzlich von Trump mobilisierten Soldaten bilden Afghanistans Armee aus. Bisherige Trainingsmissionen waren zu klein und erreichten nur einen Teil der einfachen afghanischen Soldaten. Desertionen oder sogar ein Überlaufen zum Gegner ist an der Tagesordnung. Dass die Macht der Armee in vielen Teilen des Landes so gering ist, liegt aber nicht nur an mangelnder Ausbildung, sondern auch einfach an fehlender Loyalität zur Regierung in Kabul.

Um militärisch wieder mehr Kontrolle über Afghanistan zu erlangen, wäre eine viel größere Zahl von US-Soldaten nötig als die, die Washington nun entsenden will. Trumps Vorgänger, Barack Obama, hatte das schon mit der massiven Truppenaufstockung 2009/2010 versucht. Das brachte anfangs Erfolge. Langfristig änderte sich aber nichts.

Für eine positive Entwicklung wäre ein friedlicher Ausgleich zwischen den Interessengruppen nötig, ein Abbau von Korruption und Vetternwirtschaft und ein Aufbau funktionierender Strukturen. Das ist etwas, an dem auch die Afghanen selbst arbeiten müssen. Doch durch Jahrzehnte von Krieg und Chaos kamen in vielen Teilen des Landes Personen an die Macht, die dafür nicht sorgen werden. Die internationale Hilfe brachte keinen nachhaltigen Erfolg. Dafür blieben die Anstrengungen für das sogenannte State Building in vielen Regionen zu gering. Und nicht wenige internationale Gelder verschwanden in den Taschen korrupter Regierungsvertreter – die der Westen aber als Verbündete gegen die Taliban unterstützte.

Damit geht nicht nur für die USA ihr bisher längster Militäreinsatz in die nächste Phase. Vor allem für die Menschen in Afghanistan ist kein Ende des Albtraums in Sicht. Für sie begann der Dauerkonflikt spätestens mit der kommunistischen Machtübernahme 1978 und dem russischen Einmarsch im Jahr danach. Es folgte ein Aufstand dagegen, der von den USA massiv unterstützt wurde und an dem sich auch internationale Jihadisten wie bin Laden beteiligten. Dann der Bürgerkrieg unter den siegreichen Aufständischen und der Aufstieg der Taliban. Der Konflikt wurde stets von Nachbarländern und internationalen Großmächten befeuert. Für die Afghanen bedeutet das fast 40 Jahre Krieg und Zerstörung ihres Landes.

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2017)

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