Leitartikel

Die hilflosen Ökonomen und der Elefant im Raum

Die Weltwirtschaft leidet unter ernsten Gleichgewichtsstörungen. Werden die nicht effizient behandelt, wird das wohl die Gesellschaft zerreißen.

(c) APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK

Wenn sich heute die wichtigsten Notenbankchefs dieses Globus zu ihrer jährlichen Konferenz in Jackson Hole (Wyoming) versammeln, wird ein riesiger Elefant mit im Tagungsraum stehen. Einer, den alle sehen, den aber niemand direkt anspricht. Weil seine bloße Existenz lieb gewonnene Erklärungsmuster über den Haufen werfen und eingelernte traditionelle Ideologiemuster verschwimmen lassen müsste.

Der sprichwörtliche Elefant, um den es hier geht, lässt sich ungefähr so beschreiben: Unser Wirtschaftssystem leidet immer stärker unter laut knirschendem Sand im Getriebe. Jeder weiß, dass das kein Getriebe lange aushält, aber niemand weiß, wie man den Sand wieder herausbekommt. Auch die dort versammelten Notenbanker nicht.

Die versuchen ja seit Jahren, mit immer wilderer „Gelddruckerei“ die Inflation in Gang zu bringen. Vergeblich. Wie denn auch: In konsumdominierten Ökonomien braucht man für Inflationserzeugung Massenkaufkraft. Und die entwickelt sich auf beiden Seiten des Atlantiks bei seit Langem sinkenden Lohnquoten und Reallöhnen eben nicht berauschend. Gleichzeitig wächst aber auch die Arbeitsproduktivität historisch gesehen sehr schwach. Auf das Henne-Ei-Problem, ob die Löhne wegen der schwachen Produktionsentwicklung nicht vom Fleck kommen oder der Produktivität die „Produktivitätspeitsche“ höherer Lohnsteigerungen fehlt, haben die Ökonomen keine befriedigende Antwort parat.

Dafür gerät das traditionelle Links-rechts-Schema gehörig ins Wanken. Wenn etwa der als neoliberal verschriene deutsche Bundesbank-Präsident gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (auch nicht gerade ein Bollwerk der werktätigen Massen) für eine aggressivere Lohnpolitik in Deutschland eintritt, dann muss die Welt schon gehörig aus den Fugen sein. Zumindest gilt dann, wie man an den Daten derzeit ja recht gut ablesen kann, das Dogma nicht mehr, dass anziehende Konjunktur automatisch zu Lohndruck und damit zu Inflation führt.

Das Ganze klingt jetzt sehr nach ökonomischem Elfenbeinturm, ist es aber nicht. Die sinkenden Lohnquoten haben ja überall in den Industriestaaten (nicht ganz zu Unrecht) das Gefühl entstehen lassen, dass sich die jahrzehntelang ziemlich festgeschriebene Aufteilung des gemeinsam Erwirtschafteten stark zuungunsten der Arbeitnehmer und KMU verschoben hat. Zusammengefasst in dem unsäglichen (und im zweiten Teil auch falschen) Populistenslogan von den Reichen, die immer reicher und den Armen, die immer ärmer werden.

Damit ist das Problem aber endgültig in der realen Welt angelangt: Unser Wirtschaftssystem ist aus der Balance geraten und leidet an Gleichgewichtsstörungen. Das bremst nicht nur Wachstum, Produktivität und Massenwohlstand. Das führt auch zu bedenklichen politischen Entwicklungen. Das in der Bevölkerung immer weiter verbreitete Gefühl, abgehängt zu werden, hat schließlich Donald Trump ins Weiße Haus gebracht, den britschen Brexit-Unfall befeuert und hievt europaweit Rechts- und Linkspopulisten in einflussreiche politische Positionen.

Wenn es nicht gelingt, diese Gleichgewichtsstörungen (die durch die lockere Geldpolitik der Notenbanken noch verstärkt werden) in überschaubarer Zeit zu behandeln, dann wird es die Gesellschaft zerreißen. Und mit ihr unser historisch gesehen außerordentlich erfolgreiches Wirtschaftsmodell.

Dazu braucht es freilich mehr als dämliche Wahlslogans à la „Ich hole mir, was mir zusteht“. Da muss die Politik etwa einen Weg finden, wie man die entstandenen globalen Quasi-Monopole (der größte anzunehmende Unfall für jede Marktwirtschaft) wieder einfängt. Und wie man die reichlich vorhandenen Mittel aus den Finanzkreisläufen wieder in die produktive Wirtschaft bringt. Mit Erklärungs- und Ideologiemodellen aus dem vorigen Jahrhundert wird das nicht gehen. Wir werden also noch viele Tabubrüche erleben. Dass ein deutscher Bundesbank-Präsident über zu lasche Lohnforderungen der Gewerkschaften jammert, ist erst der Anfang.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2017)

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