Bitte keinen weiteren Cliffhanger in dieser Brexit-Serie

Das Drama ist um eine Staffel verlängert. Gleitet es nun in eine Realsatire ab, oder wird eine vernünftige Schlussszene endlich möglich?

Wer kennt nicht diesen Effekt bei Serien: Die Spannung flaut ab, die Schauspieler werden nach und nach per Drehbuch hinausgeschrieben. Übrig bleibt die deutlich schwächere Zweit- oder Drittbesetzung, deren Zusammenspiel nicht mehr funktioniert. Dann ist meist Zeit auszusteigen, um sich die schöne Erinnerung zu wahren.

In der britischen Regierung wurden zentrale Akteure bis auf Regierungschefin Theresa May bereits mehrfach ausgetauscht. Seit vielen Monaten schafft es dieses politische Personal nicht, effizient zu kooperieren und einen geordneten EU-Austritt zustande zu bringen. Und nun wurde mit Erlaubnis aus Brüssel sogar die nächste Staffel dieses Dramas gestartet, bis sie zum keltischen Totenfest im Herbst endlich abgesetzt werden soll. Die Serie lebt gerade noch von der absurden Rolle der tänzelnden Premierministerin.

Aber die Spannung ist draußen. Zu oft die gleichen Szenen, zu oft diese innerparteilichen Intrigen und dieses Mächtespiel im Unterhaus. Der Oppositionschef tritt als wenig schillernde, verbissene Persönlichkeit auf. Und die Brexit-Hardliner? Sie gerieren sich als Retter des Empire, obwohl sie dafür keinen nachvollziehbaren Plan vorzuweisen haben.

Es ist Zeit, das Drama zu einem Ende zu bringen. Und das wäre laut Drehbuch in mehreren Varianten durchaus möglich: entweder durch die Festlegung auf eine Zollunion, mit der Großbritannien etwas souveräner als bisher der EU wirtschaftlich verbunden bliebe. Das wäre zudem eine gute Möglichkeit, den Frieden in Nordirland abzusichern. Oder durch ein weit schwieriger zu erreichendes Handelsabkommen, in dem die Interessen aller 28beteiligten Staaten auf einen Nenner gebracht werden müssten. Allein wer sich an die politischen Untiefen der Ceta-Ratifizierung – des Abkommens EU/ Kanada – erinnert, sollte davon Abstand nehmen. Oder es gibt nach wie vor die Variante eines Rückzugs des Austrittsantrags, wie es nun sogar im jüngsten Gipfeldokument festgeschrieben ist. Kombiniert mit einem neuerlichen Referendum wäre das eine noch spektakulärere Form des Happy End. Ein bisschen schlicht vielleicht, aber manche Serien enden eben so.

Aber wo sind die Akteure, die in London einen dieser Wege bestreiten könnten? Auf der einen Seite gibt es bei den Tories kein Personal, das entschlossen genug wäre, die Vernunft über das verzweifelte Bemühen um Zusammenhalt der tief zerstrittenen Partei zu stellen. Auf der anderen Seite agiert Labour-Chef Jeremy Corbyn, ein ideologisch starrköpfiger Machtpolitiker, der lieber seine persönliche Ablehnung der EU verfolgt, als auf die Wünsche der Mehrheit in seiner eigenen Partei, die sich ein Abgehen vom Brexit wünscht, einzugehen.

Im besten aller Fälle gelingt es Premierministerin May doch noch, einen parteiübergreifenden Kompromiss auszuhandeln, mit dem sie die verbliebene Staatsräson eint. Dann würde Großbritannien das erreichen, was die Industrie des Landes, der Handel, die Universitäten, die Forschungseinrichtungen und viele Experten seit Monaten fordern: in welcher Form auch immer eine Anbindung an die EU zu erhalten.


Serien müssen enden. Deshalb sind jene auf einem Holzweg, die darauf hoffen, dass sich der Brexit unendlich fortsetzen könnte, ohne je Realität zu werden. Das würde nicht nur Großbritannien, sondern auch die restlichen EU-Staaten über viele Jahre lähmen. Auch jene liegen falsch, die sich lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende wünschen. Diese Brachial-Lösung entspricht eher primitiven Machogelüsten, als dass sie wirtschaftlich, sozial oder politisch sinnvoll wäre. Sie würde sich zwar für das spektakuläre Ende einer Serie eignen, aber eben nur auf dem Bildschirm. In der Realität möchte wohl niemand die Kollateralschäden einer solch bombastischen Schlussszene am eigenen Leib verspüren.

Fast genauso schlimm wäre es, wenn die Serie einen weiteren Cliffhanger samt Neubesetzung der Premierminister-Rolle mit Boris Johnson erhielte. Dann würde das langatmige Drama nämlich gänzlich in eine fatalistische Satire abgleiten: Alles egal, Hauptsache originell.

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2019)

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