Die Sprache bleibt die Domäne des Theaters, alles andere ist Beiwerk

Bald regieren wieder statt zwei Frauen drei Herren an Wiens Großbühnen. Allerhand ist angekündigt. Nach vielen Experimenten ist Skepsis angebracht.

Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hat einen Sechs-Jahres-Vertrag. Vielleicht besinnt er sich – und widmet sich später noch dem Sprechtheater.
Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hat einen Sechs-Jahres-Vertrag. Vielleicht besinnt er sich – und widmet sich später noch dem Sprechtheater.
Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hat einen Sechs-Jahres-Vertrag. Vielleicht besinnt er sich – und widmet sich später noch dem Sprechtheater. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

„Die Ernte ist heilig. Die Ernte ist Atem, Geist und Leben!“ Wir befinden uns nicht bei Karl Schönherr in Tirol, sondern in jenem Stück, das am Wochenende in New York den Tony für das beste Drama gewonnen hat: „The Ferryman“ handelt von einer Familie, spielt in einer Küche, es geht um das nicht gerade neue Thema IRA. Gesprochen wird in nordirischem Dialekt, und das Stück dauert drei Stunden. Der 50-jährige Brite Jez Butterworth hat es geschrieben, „Bond“-Regisseur Sam Mendes hat inszeniert. Die Aufführung wurde vom Londoner Westend an den Broadway übernommen.

Das Schauspiel hat im globalen Kultur-Großbetrieb seinen festen Platz. Sprechen ist die Domäne des Theaters, Verhandlung von Konflikten, Dialoge. Die Wiener Festwochen zeigen kaum mehr klassisches Schauspiel. Die Begründung lautet, dass Wien Startrampe für Eigenproduktionen sein soll, die in die Welt gehen, nicht Station für Gastspiele. Das hat etwas für sich. Die Festwochen sind teuer genug und spielen nur einen geringen Teil ihrer Kosten ein. Viele Stars, die heuer eingeladen waren, wurden freilich nicht in Wien entdeckt: Der Berliner Ersan Mondtag begann bei Frank Castorf, Krystian Lupa ist als Regisseur seit Jahrzehnten etabliert. Romeo Castellucci und Milo Rau sind mehr oder minder Stammgäste in Österreich bzw. in Wien.

Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hat einen Sechs-Jahres-Vertrag. Vielleicht besinnt er sich – und widmet sich später noch dem Sprechtheater. Kino und Konzeptkunst können klassisches Schauspiel nicht ersetzen. Abgesehen davon, dass diese Art von Crossover den Verdacht weckt, dass bildende Künstler und Filmregisseure bei den reichlichen Subventionen für Bühnenkunst mitnaschen wollen. Gegen Performance ist gewiss nichts einzuwenden, auch nicht gegen Video und Popmusik auf der Bühne, aber dass Sprechtheater immer mehr zum Happening verkommt, ist der falsche Weg. Abgesehen davon, dass die modischen Horrorszenarien allerorten – die anscheinend dazu da sind, den Horrorboom beim Film auf der Bühne weiterzuspinnen – mitunter ermüdend wirken, speziell wenn sie in markerschütternder Lautstärke (Mikroports!) stattfinden. Wie wäre es einmal wieder mit einem ganz normalen Klassiker? Der europäische Theaterkanon behandelt zeitlose Konflikte. „Faust“ schreitet die geistliche und die politische Welt nach allen Richtungen und Grenzen ab, Schillers „Maria Stuart“ zeichnet Machtkämpfe in einem von Religionskriegen zerrissenen Britannien, Shakespeares „Hamlet“ spricht vom „Übermut der Ämter“.

Aber es gibt auch tolle neue Stücke wie etwa das an der Berliner Schaubühne laufende Drama „status quo“ (sic!) von Maja Zade: Ein junger Mann (Moritz Gottwald) erleidet alle erdenklichen Quälereien und sexuellen Belästigungen von gemeinen Frauen, die hier in der Rolle der Machos zu erleben sind.

Es gibt nichts Schöneres und Heitereres als einen Theaterdirektor, der sich in euphorische Rage redet, wie er die Kunst erneuern oder gar die Politik aufmischen will. Tatsächlich ist Theater wie Lotto spielen, unvorhersehbar, wenigstens sind gute Aufführungen nicht so selten wie ein Lotto-Sechser.

Dabei schaut alles so einfach aus: ein packendes Stück, tolle Schauspieler, ein kluger Regisseur. Wir wünschen allen drei Herren in den Direktionsetagen der Wiener Großbühnen das Allerbeste, aber auch, dass Frauen in den Chefsesseln nicht nur eine Episode gewesen sind. Man sagt den Ladys nach, dass sie weniger egomanisch und narzisstisch seien, außerdem menschenfreundlicher agierten als die Herren. Nicht immer.

Wenn künftig im Burgtheater Hebräisch und Slowenisch gesprochen wird, willkommen. Noch schöner wäre es, wenn auch der österreichische Ton wieder erklingen würde. Österreichische Schauspieler und Schauspielerinnen, die diese Melodie beherrschen, sind selten geworden. Die Kluft zwischen österreichischen und deutschen Mimen scheint fast verschwunden zu sein. Dennoch: Das Österreichische ist eine eigene Sprache, keine Mundart. Wenn wir darauf bestehen dürfen, nehmen wir alle Gäste auf – und Stilkapriolen hin. In Gottes Namen.

E-Mails an: barbara.petsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2019)

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