Xavier Naidoo: Schmusesänger mit fragwürdigen Botschaften

Subtext. Mit kruden Aussagen war Xavier Naidoo schon zuvor aufgefallen. Jetzt sprach er auf einer Demo der "Reichsbürger" über die "amerikanische Besetzung" Deutschlands.

SWITZERLAND MUSIC
SWITZERLAND MUSIC
Xavier Naidoo – (c) EPA (SIGI TISCHLER)

Berlin, 3.Oktober 2014. Man feiert den Tag der Deutschen Einheit, der an die Wiedervereinigung im Jahr 1990 erinnert. Am Brandenburger Tor steht ein Karussell, auf der Festmeile gibt es Musikbühnen und Essensstände. Vor dem Reichstag, wenige hundert Meter weiter, will man von der Feier für Deutschland nichts wissen. Hier findet eine Kundgebung der sogenannten Reichsbürger statt. Was 1990 und überhaupt in den vergangenen Jahrzehnten der deutschen Geschichte geschehen ist, findet diese Bewegung irrelevant, denn: Das Deutsche Reich und dessen Grenzen von 1937 seien noch gültig, das Land sei noch von den Alliierten besetzt und „Deutschland“, jenes verfassungsrechtlich illegale und daher nonexistente Konstrukt, nichts als eine GmbH.

Inmitten der etwa 300 Demonstranten steht, wie die „B.Z.“ berichtet, Xavier Naidoo – genau, der deutsche Sänger mit südafrikanisch-indisch-irischen Wurzeln, der mit Kuschelsoulpop und christlich geprägten Texten höchst erfolgreich ist. Im schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift „Freiheit für Deutschland“ sagt er etwa: „Ich will, dass wir miteinander Ordnung schaffen in diesem Land“ oder „Ich komme aus einer Gegend, in der ich mein ganzes Leben lang die amerikanische Besatzung ganz klar vor Augen hatte.“

Die Menge rasselt und applaudiert. Bevor Naidoo zum Abschluss seiner kurzen Rede noch ein „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“ ins Mikrofon säuselt, gibt er vor, nicht zu wissen, wem er mit seinen Aussagen in die Hände spielt: „Ich habe keine Ahnung, wer hier steht. Ich repräsentiere die Liebe.“ (Die Menge johlt: „Liebe! Ja!“) „Ihr dürft mir keinen Strick daraus drehen.“

So leicht stiehlt man sich nicht aus der Verantwortung. Als Popstar, der öffentliche Aufmerksamkeit genießt, muss Naidoo wissen, mit wem er sich umgibt. Und dass seine Worte einer Bewegung, die teils aus Querulanten und verhaltensauffälligen Justizopfern, teils aus Mitgliedern der rechtsextremen Szene besteht, Gewicht verleihen.

Der Sänger ist schon zuvor mit dubiosen Aussagen aufgefallen. Als er 2011 im „Morgenmagazin“ der ARD gefragt wurde, ob Deutschland denn frei sei, verneinte er: „Wir sind immer noch ein besetztes Land.“ Deutschland habe keinen Friedensvertrag und sei daher auch kein echtes Land.

Meint Xavier Naidoo es ernst mit seinen Aussagen – die immerhin ein demokratisch legitimiertes Land infrage stellen? Oder ist er etwa selbst ein Opfer, das auf krude Verschwörungstheorien hereingefallen ist?

Ein letzter Erklärungsversuch wäre, dass er seine Fans vielleicht nur zur Skepsis animieren will. Im August hielt er in Mannheim von einer Lkw-Bühne aus eine ähnliche Rede wie zuletzt in Berlin. Da verabschiedete er sich mit den Worten: „Informiert euch! Macht euch schlau! Vielleicht ist das, was wir euch erzählt haben, alles Bullshit.“

E-Mails an: katrin.nussmayr@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2014)

Kommentar zu Artikel:

Xavier Naidoo: Schmusesänger mit fragwürdigen Botschaften

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen