Lobet den ehrenwerten Nestroy-Sieger Paulus Manker!

Eine Kunstform, die hierzulande viel zu selten geboten wird: die Dankesrede, die sich blitzartig in Angriffe verwandelt.

Was täte die Wiener Kultur-Schickeria ohne das erfrischende und sympathische Multitalent Paulus Manker? Am Montag rettete er als ausgezeichneter Schauspieler die Verleihung der Nestroy-Preise vor der Fadesse. Wenn von zwölf Preisen gefühlte 24 ans Burgtheater gehen, leidet nämlich die Konzentration.

Alle haben sich artig bedankt. Manker aber nutzte die Gelegenheit für eine Kunstform, die auf unseren Bühnen zu selten geboten wird: die Dankesrede, die sich blitzartig in Angriffe verwandelt. Unerreicht: Wie Shakespeare Marc Antons Lobrede auf den ermordeten Diktator Julius Caesar in eine Brandrede gegen Roms Freiheitskämpfer verwandelt. Oder in Wien: richtig böse, wie Thomas Bernhard 1968 bei der Verleihung des Kleinen Staatspreises mit präzisen Worten für und über den kleinen Staat einen Minister mit dem lautmalerischen Namen Piffl-Perčević dazu bringt, türenschlagend den Saal zu verlassen.

Tödliches Lob beherrschen nur wenige. Cicero etwa. Seine staatstragenden Reden waren voller Killer-Argumente, aber auch die kleine Form ist apart. Philipp zum Beispiel, der Prinzgemahl der britischen Königin, versteht es immer wieder, freundlichen Smalltalk durch wohldosierte, gut gespielte Ignoranz in einen Eingeborenen-Aufstand zu verwandeln. In London nennen das dann die witzlosen Anti-Imperialisten einen royalen Skandal.

Auch die Nestroy-Gala hat solche großen Momente der Erregung. 2002 kam es zum Eklat, als André Heller eine Lobrede auf Claus Peymann hielt. Metaphernreich sagte er, warum es ihn sehr gefreut habe, dass der Direktor, nachdem er ins Exil nach Berlin gegangen war, für sein Lebenswerk (das kann ja wohl nur das Burgtheater gewesen sein!) ausgezeichnet wurde. Doch Heller nutzte die Rede im kleinen Exkurs auch zur Fundamentalkritik an der schwarz-blauen Regierung. Für sein Lob nebst politischer Nachspeis hätte er einen Nestroy für die schönste Off-Produktion verdient. Die bezaubernde Moderatorin Andrea Eckert ließ sich dann sogar zu einer indirekten Wahlempfehlung hinreißen. Live im ORF! Seither werden derartige Shows von der strengen Staatsanstalt gern zeitversetzt übertragen, aber bei den Laudatoren wird dadurch nur der Ehrgeiz gesteigert, den Tadel im Lob so zu verpacken, dass er nicht zensuriert wird und man trotzdem darüber spricht.

Dem lieben Paulus Manker, der sich dem feierlichen Event mit dunklem Anzug und aufregender neuer Frisur angepasst hat, ist das erneut gelungen. Er tadelte Kulturministerin Claudia Schmied für ihre Abwesenheit. Sie sei nie beim Nestroy-Preis. Manker: „Das geht nicht: Österreich ist ein Ski- und Kulturland. Zum Hahnenkammrennen und zur Nestroy-Gala zu gehen ist das Mindeste.“ Und dann erstellte er einen Forderungskatalog zur Rettung des Theaters, den man eigentlich von der Ministerin bei ihren Gala-Auftritten im Finanzministerium erwarten würde. Aber sie war, wie gesagt, nicht im Burgtheater, so wenig wie der Bundeskanzler, sein Vize, der Bürgermeister und die etwaige Vizebürgermeisterin. Die machen ihr Theater lieber selber. Aber an Manker oder gar an Prinz Philipp reichen sie nie heran.

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2010)

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