Pizzicato

Künstler und Kuckuck

Den 120. Geburtstag von Wiens Riesenrad feierten „Presse am Sonntag“ und Online-Presse jüngst mit schönen Geschichten.

Klar, dass dabei auch Orson Welles (1915–1985) vorkam, der große US-Schauspieler, der in „Der dritte Mann" eine Hauptrolle hat. Die Schlüsselszene des bekanntlich in Wien spielenden Films von 1949 spielt im Riesenrad. Und gleich danach spricht Welles folgende Sätze, die er damals improvisieren musste, angeblich aus Gründen der szenischen Dauer - egal, sie standen jedenfalls nicht im Drehbuch:

"In Italien, in 30 Jahren unter den Borgias, hat's nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber es gab Michelangelo, Leonardo da Vinci, die Renaissance. In der Schweiz herrschten brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!"

Oh weh, woher hatte Orson Welles bloß diesen Schmafu? Schon das mit den Borgias ist so eine halbgare Sache, weil diese Sippe im Italien des 15./16. Jahrhunderts einige Jahrzehnte länger intrigierte, da und dort regierte, Heere führte und zwei Päpste (Gesamtdauer auf dem Stuhl Petri: 14 Jahre) stellte, doch war damals für fast 30 Jahre und mehr auch Frieden (1454–1482).

In der Schweiz wiederum war's seit 1449 (dem Filmhandlungsjahr 1949 minus der angeblich 500 Friedensjahre) ganz sicher nicht pazifistisch: Es gab dort nämlich allerhand Kämpfe bis hin zu großen Schlachten etwa während der Reformation, des Dreißigjährigen Kriegs, der Napoleonischen Kriege; da waren viele Wickel zwischen Kantonen, mit Schwaben, Burgund, Frankreich, 1847 gab es sogar einen kurzen Bürgerkrieg. Googeln Sie doch einmal „Liste von Schweizer Schlachten" und staunen Sie. Von wegen brüderliche Liebe.

Und dann zur berühmten Kuckucksuhr: Die entstand nach allgemeiner Überlieferung einst in Südwestdeutschland, namentlich dem Schwarzwald, aber nicht in der Schweiz.

Also: Man sollte auch Künstlern nicht immer glauben. (wg)

Reaktionen an: wolfgang.greber@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2017)

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