Frau Meinl-Reisinger, zum Regieren braucht man nicht unbedingt Kids

Angela Merkel, Emmanuel Macron, Jean-Claude Juncker – Europa wird weitgehend von Kinderlosen regiert. Welche Auswirkungen hat das eigentlich?

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Es war ein Satz von überschaubarer sozialer Kompetenz, den Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger jüngst im Interview mit „Krone TV“ formuliert hat: „Ich will eigentlich nicht regiert werden von lauter kinderlosen Karrieristen, weil das die einzige Möglichkeit ist. Sondern von Menschen aus der Mitte, die eine Ahnung haben, was es heißt, [. . .] Verantwortung für Kinder zu tragen.“

Den Nachweis, dass die Neos eine liberale Partei sind, hat sie da nicht eben erbracht. Denn gerade aus liberaler Sicht hat es selbstverständlich gleichgültig zu sein, ob eine politische Führungskraft kinderlos ist oder nicht. Ob Menschen Kinder kriegen, ist deren höchstpersönliche Entscheidung (oder anderen Faktoren geschuldet), die nichts über deren Politiktauglichkeit aussagt. Die Ansicht, dass ein paar Kinder sozusagen Teil des Befähigungsnachweises für den Politikerberuf sein soll, ist im Jahr 2019 eher befremdlich. Dass sie mit dem Hinweis auf „kinderlose Karrieristen“ – möglicherweise – Sebastian Kurz eins auswischen wollte, macht die Sache leider auch nicht besser; ganz im Gegenteil. Das ist freilich auch insofern bedauerlich, als die Frage, ob und gegebenenfalls wie Kinderlosigkeit politische Entscheidungen beeinflusst, ja durchaus spannend ist.

In der EU war ja zuletzt eine große Zahl von Spitzenpolitikern ohne Kinder am Ruder: Angela Merkel, Theresa May, Emmanuel Macron, Paolo Gentiloni, Mark Rutte, Stefan Löfven, Xavier Bettel sowie Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon, aber auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verband parteiübergreifend der Umstand der Kinderlosigkeit. Kinderlose sind in Europas Politik-Topjobs klar überrepräsentiert. Junckers Nachfolgerin, Ursula von der Leyen, wird mit ihren sieben Kindern zur Ausnahme, die die Regel bestätigt. Davon, dass sie deshalb als Bundesverteidigungsministerin besondere Verantwortung für die Zukunft ihrer und aller deutschen Kinder gezeigt hätte, kann freilich nicht wirklich die Rede sein, ganz im Gegenteil. Ähnliches kann man angesichts seiner etwas erratischen Politik auch vom neuen britischen Premier Boris Johnson behaupten (Kinder, soweit bekannt: Lara Lettice Johnson, Theodore Apollo Johnson, Cassia Peaches Johnson und Milo Arthur Johnson).

Die Aversion gegen Regierende ohne Kinder ist der Annahme geschuldet, dass Menschen mit Kindern eine andere Zeitpräferenz zu haben scheinen als solche ohne. Wer Kinder hat, wird demnach möglicherweise weiter in die Zukunft vorausplanen als ein Kinderloser oder eine Kinderlose. (Ob Meinl-Reisinger das auch so sieht, geht aus ihrer Formulierung nicht ganz klar hervor – es wirkt aber jedenfalls so.)

Unter Ökonomen gibt es sogar die schräge Theorie, der Keynesianismus, die wahrscheinlich einflussreichste Wirtschaftstheorie des 20. Jahrhunderts, sei partiell der Kinderlosigkeit ihres Urhebers, Lord Keynes, geschuldet, der Einwände gegen die langfristigen Folgen hoher Staatsschulden mit der legendären Formulierung „In the long run we are all dead“ wegwischte.
Empirisch beweisbar ist dergleichen freilich nicht; es bleibt die Vermutung.

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