Das österreichische Deutsch stirbt aus

Das österreichische Deutsch wird bald aussterben. Gewöhnen Sie sich bitte an diesen Gedanken.

Als ich von Tirol nach Vorarlberg kam, war ich sieben. Mit sieben findet man schnell Spielkameraden. „Juck!“, riefen die Kinder im Hof der neu errichteten Siedlung, in der jedes Haus eine Terrasse aus Waschbeton und einen kleinen Garten hatte: „Juck!“ Ich saß auf einem Mäuerchen und wunderte mich. Was wollten die von mir? Und was heißt eigentlich „Gomma gi gigagampfa?“

Mit 18 zog ich nach Wien. In der zweiten Woche fuhr ich ganz urban mit der U-Bahn zum Naschmarkt und verlangte Gelbe Rüben. Was ich bekam, waren tatsächlich Gelbe Rüben, zumindest von einem ostösterreichischen Standpunkt aus gesehen – was ich gewollt hatte, waren aber Karotten. Wien war verrückt! Erdbeeren wurden hier als Ananas angepriesen, grüne Bohnen hießen Fisolen. Und wehe, einer sagte Tomaten.

Man sieht: Meine sprachliche Identität war damals schon ziemlich brüchig.

Steirisch! Aber es wurde noch schlimmer. Zuerst heiratete ich einen Erz-Steirer. Dann bekamen wir zwei Kinder, waschechte Wienerinnen, aber wer denkt, dass mir das irgendwie den Wiener Dialekt nahegebracht hätte, irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder sprechen nämlich Piefkinesisch, so wie alle ihre Freundinnen und Freunde, da wächst von allen Sprachwahrern unbemerkt eine ganz Generation heran, die keine Palatschinken kennt, und wenn, dann klingt das aus ihrem Mund so wie eine Berliner Spezialität: Palatschünkö. Ein einziger Klassenkamerad von Hannah besteht noch darauf, dass es nicht Tüte, sondern Stanitzel heißt, und nicht Kasten, sondern Schrank, er gilt als schrullig.

Aber sagt man das in Österreich überhaupt? Schrullig?

So weit haben mich die Kinder verwirrt: Immer häufiger muss ich fragen, ob ich „schnippisch“ oder „Quatsch“ schreiben darf, ob es „Fleischhauer“ oder „Metzger“ heißt, aber es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der noch gepflegt Österreichisch, das heißt: Ostösterreichisch spricht. Immer wenn ich glaube, jemanden gefunden zu haben, kommt er aus Kärnten oder Polen. Und so ist es passiert, dass ich letzte Woche in dieser Kolumne geschrieben habe, ich sei „außer Puste“ gewesen.

Und was ist passiert? Nichts! Kein böser Brief wie vor zehn Jahren bei der „Tomate“, kein empörter Anruf wegen eines hineingerutschten „ab und an“. Nicht einmal ein E-Mail.

So traurig es ist: Ich denke, wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass das österreichische Deutsch langsam ausstirbt.

Postskriptum. „Juck!“ heißt übrigens so viel wie „Spring!“. „Gomma“ heißt „gehen wir“. Was „gigagampfa“ bedeutet, verrate ich nicht, weil ich nicht weiß, wie man auf Österreichisch „wippen“ sagt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

 


[LOKLV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2015)

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