Macht der Feminismus den Sex kaputt?

Landen wir durch Feminismus irgendwann in einer grauen Realität ohne erotische Spannung? Ich behaupte das Gegenteil.

Zumindest für uns Frauen ist der Sex besser als früher.
Zumindest für uns Frauen ist der Sex besser als früher.
Zumindest für uns Frauen ist der Sex besser als früher. – (c) imago/Panthermedia (AntonioGuillem)

Es ist also so: Slavoj Žižek, ein bekannter Philosoph, fürchtet in seinem jüngsten Aufsatz in der „NZZ“ um die Erotik. Konkret hat er Angst, dass vom „intensiven erotischen Spiel“ nur mehr „vulgäre Kopulation“ übrig bleibt, und schuld sind wir Feministinnen, die drauf und dran seien, die Brüste und die Vulva zu „entfetischisieren“. Indem wir zum Beispiel barbusig demonstrieren, Musicals wie „Vulvarina“ schreiben, Body-Positive-Workshops besuchen oder in Bildbänden Fotos von Vaginas zeigen, die nicht schön, nicht zum Sex bereit sind, sondern zum Beispiel gerade Kinder gebären. Auweia.

In der Folge zitiert Žižek aus nicht ganz einleuchtenden Gründen Lacan und beschreibt sehr plastisch, was bei solch einer „Entfetischisierung“ mit seiner Lust passiert: „Man stelle sich vor, dass man, von der erotischen Leidenschaft getrieben, einen genauen Blick auf die Vagina der geliebten Frau wirft, zitternd, weil das Vergnügen wie erwartet gleich eintrifft. Aber dann passiert etwas: Als ob man den Kontakt zu ihr verloren hätte, fällt man aus der erotischen Lust heraus, und das Fleisch vor den Augen erscheint plötzlich in seiner ganzen vulgären Realität, mit dem Geruch von Urin und Schweiß.“


Privatproblem. Žižek mag also keine Vaginas – sondern nur die Vorstellung von ihnen. Deshalb weiß er auch nicht, wie sie riechen. Das ist schade für ihn, ist aber eher ein Privatproblem, und ich würde seinen Thesen auch keine Kolumne widmen, wenn nicht die Angst dahinter so typisch wäre. Die Angst, dass auf irgendeine Weise der Feminismus den Sex kaputt macht. Früher war es die Sorge, dass die Spannung zwischen den Geschlechtern flöten gehe, wenn nicht der Mann der große Macher und die Frau zu Hause am Herd bleibt. Später wurde uns erklärt, wir würden Männer verunsichern, weil wir von einem Flirt mehr erwarten als einen Griff an den Hintern. Und jetzt ist es die „Entfetischisierung“ von Busen und Vagina, die in eine „graue Realität“ führe, in der „Sex vollkommen unterdrückt wird“.

Was die Bedenkenträger übersehen: Zumindest für uns Frauen ist der Sex besser als früher, als wir noch ans Vaterland gedacht haben, Vergewaltigung in der Ehe erlaubt war und das Vortäuschen von Orgasmen zum Standardrepertoire gehört hat. Und dass das erotische und sexuelle Spiel vielfältiger geworden ist, komplexer und auch anspruchsvoller, ist auch für die meisten Männer eine gute Nachricht. Freiheit! Juhuu!

Im Übrigen auch die Freiheit, Brüste zu „fetischisieren“. Wenn es euch und euren Partnern Spaß macht – super. Aber, liebe Antifeministen, geht dem Rest der Gesellschaft nicht auf die Nerven und erhebt eure Vorlieben nicht zur Norm.

Mails an: bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2019)

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