Krebskranke Ärztin setzt auf vegane Kost

Sie hatte einen inoperablen Krebs, viele Metastasen und den Tod vor Augen. Heute ist Rosa Aspalter tumorfrei. Nun will sie wissen, was fleischlose Ernährung in Verbindung mit Chemotherapie tatsächlich bewirken kann.

Die Ärztin Rosa Aspalter hatte Krebs und ist davon überzeugt, dass ihr vegane Kost, in Verbindung mit einer Chemotherapie, das Leben gerettet hat.
Die Ärztin Rosa Aspalter hatte Krebs und ist davon überzeugt, dass ihr vegane Kost, in Verbindung mit einer Chemotherapie, das Leben gerettet hat.
Die Ärztin Rosa Aspalter hatte Krebs und ist davon überzeugt, dass ihr vegane Kost, in Verbindung mit einer Chemotherapie, das Leben gerettet hat. – Stanislav Jenis

Sie ist Ärztin für Allgemein- und Ernährungsmedizin. Und sie hatte Krebs. „Die Diagnose Darmkrebs erhielt ich vor etwa fünfeinhalb Jahren, auch die Lymphknoten waren bereits befallen“, sagt Rosa Aspalter. Operation und Chemotherapie waren erfolgreich, „ich dachte, es wäre alles okay.“ Doch dann, im Juli vergangenen Jahres, die schockierende Diagnose, die einem Todesurteil gleichkam: viele Metastasen in der Lunge und in Lymphknotenstationen. „Der Krebs hatte so stark gestreut, dass eine Operation nicht mehr möglich war“, erzählt die sportliche 54-Jährige.

Man empfahl der Patientin damals eine Dreifachchemotherapie, die die krebskranke Ärztin auch gemacht hat. „Obwohl“, schränkt sie ein, „ich habe kaum Patienten gesehen, denen selbst diese große Chemotherapie in diesem so weit fortgeschrittenen Stadium, in dem ich mich befunden habe, geholfen hätte.“ Und jedesmal, wenn sie vom Tod eines Krebspatienten hörte, war es irgendwie auch eine Nachricht von ihrem eigenen Tod. Sie hat sich dennoch ein Konzertabo gekauft, ohne zu wissen, ob sie die Konzerte überhaupt noch erleben werde. Rosa Aspalter hat jedes Konzert genossen, heute ist die Medizinerin tumorfrei.

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Eine Riesenchance

Im Endstadium einer Krebserkrankung, so Aspalter, kämen Chemo- und Strahlentherapie dem Krebswachstum nicht mehr nach, der Tumor wächst der Therapie quasi davon. Dass sie bei Aspalter dennoch erfolgreich war, schreibt die Ärztin in erster Linie ihrer Ernährungsform zu: Als einst ausgesprochener Fleischfan stellte sie auf vegane Ernährung um. „Ich habe die China Study gelesen: Sie ist eine der weltweit größten epidemiologischen Studien über den Zusammenhang zwischen Krankheit und Ernährung und besagt, dass sich selbst geringe Mengen tierischer Produkte negativ auf unsere Gesundheit auswirken können und die Gesundheitsvorteile umso größer sind, je geringer der Anteil tierischer Nahrungsmittel an der Ernährung ist. Da habe ich in dieser Kost eine Riesenchance gesehen.“

Ob das „kleine Wunder“, das sie selbst erlebt hat, auch für andere Krebskranke möglich sei? Ob auch sie von veganer Kost profitieren? „Meine behandelnden Ärzte glauben eher nicht daran“, so Aspalter. Sie selbst glaubt schon daran, hat den Verein und die Internetplattform „Essen und Krebs“ gegründet und nun eine Onlinestudie gestartet, an der Krebspatienten teilnehmen können (Näheres dazu in der Infobox rechts unten).

Thesen, auf welche Weise vegane Ernährung Tumore verhindern oder sie an ihrer Ausbreitung behindern kann, gibt es mehrere. „Tierisches Eiweiß ist das ideale Baumaterial für Krebszellen, es fördert sowohl die Entstehung als auch das Wachstum eines Tumors. Gebe ich ihnen nichts davon, schränkt das das Wachstum ein.“ Ein anderer Erklärungsansatz sei die Aminosäure Methionin: „Diese ist ebenfalls viel mehr im tierischen als im pflanzlichen Eiweiß enthalten. Viele Krebsarten aber sind abhängig von Methionin.“ Studien, so Aspalter, hätten gezeigt: Krebszellen, die bereits resistent auf die Chemotherapie waren, hat man Methionin entzogen, „und sie haben dann wieder auf die Therapie angesprochen“. Eine weitere Hypothese, wie vegane Kost vor Karzinomen schützen könnte: Tumorzellen wachsen besonders im sauren PH-Wert, pflanzliche Kost aber ist basischer. „Das schützt den Knochen und scheint ebenfalls das Tumorwachstum zu hemmen.“

Der renommierte Onkologe Heinz Ludwig, Leiter des Wihelminen-Krebsforschungsinstituts in Wien, verweist auf die vorliegenden Fakten: „Eine Kost, die nicht zu viel Fleisch und insbesondere wenig bis kein ungenügend gegartes Fleisch enthält, reduziert das Risiko für Krebserkrankungen im Allgemeinen und von Darmkrebs im Besonderen.“ Erwiesen sei ferner, dass Vegetarier länger leben und seltener an chronischen Erkrankungen leiden. Das haben etliche Studien ergeben.

Wobei die Frage nicht beantwortet wurde, ob es das Fleisch per se ist, das dem Omnivoren, also Allesesser Mensch, schadet oder ob es nicht doch auch der schädliche Cocktail an Antibiotika, Hormonen und dem Gift der Massentierhaltung ist, den wir heutzutage mit dem Fleisch zu uns nehmen.


Am gesündesten mit Fisch?

Nicht ganz geklärt, so Ludwig sei auch, ob der erwiesene gesundheitliche Benefit tatsächlich nur von der Ernährung her rühre. „Ernährung hat ja auch etwas mit Disziplin zu tun. Und disziplinierte Menschen leben wahrscheinlich insgesamt gesünder.“

Ein bisschen mehr Licht in diese Frage bringt eine in Fachkreisen nicht ganz unumstrittene US-Untersuchung an mehr als 72.000Siebenten-Tags-Adventisten, die als religiöse Gemeinschaft doch einen weitgehend homogenen Lebensstil aufweisen, sich aber unterschiedlich ernähren. Wichtigstes Ergebnis der Studie, die Daten aus sechs Jahren erfasst, in Kürze: Vegetarische Kost kann bis zu einem gewissen Grad vor Darmkrebs schützen, wobei Pesco-Vegetarismus (kein Fleisch, aber Fisch) das Risiko noch einmal verringert. Und dies nicht nur hinsichtlich Krebs. Die Sterbequote war bei den Pesco-Vegetariern insgesamt um 19Prozent niedriger als bei den Fleischessern (unter Männern sogar um 27 Prozent niedriger). Das dürfte vor allem den Omega-3-Fettsäuren im Fisch zu verdanken sein – sie dämpfen im Körper unter anderem stille Entzündungen (Silent Inflammations), die für zahlreiche Krankheiten, darunter eben auch Krebs, mitverantwortlich sind.

„Jeder Krebspatient, der eine vegane Ernährung will und bei dem keine Kontraindikationen vorliegen, bekommt sie. Ich besuche ihn dann, spreche ausführlich mit ihm und berate ihn. Denn eine Beratung durch eine Ernährungsfachkraft ist in diesem Fall wirklich sehr wichtig“, sagt Martina Schmidt, Diätologin an einem kleinen steirischen Krankenhaus mit Schwerpunkt Onkologie.

Der Trend zu veganer Kost, so Schmidt, habe bei den Krebspatienten stark zugenommen, „nicht zuletzt wegen des Buchs und Films ,Gabel statt Skalpell‘“. Von sich aus empfehlen würde sie vegane Ernährung aber nicht. „Das hat nichts damit zu tun, dass sie bei vielen Ärzten umstritten ist. Auch wenn verschiedene Studien zeigen, dass eine vegane oder vegetarische Ernährung das Risiko einer Krebserkrankung senkt, also präventiv wirken könnte, findet man für die kurative Wirkung noch keinerlei wissenschaftliche Belege. Es gibt derzeit also noch keine wissenschaftliche Evidenz, dass vegane Diät bei der Krebsheilung hilft. Aber sie kann schnell zu Mangelzuständen führen.“ Viele Krebspatienten litten ohnehin an Eiweißmangel. Auch die Versorgung mit Vitamin B12, das für den Menschen lebenswichtig ist, sei bei rein pflanzlicher Kost problematisch. Vitaminsupplemente könnten da gegensteuern.

Das sei nicht immer erforderlich, meint hingegen Rosa Aspalter. „Wer täglich Vollkorn- und Sojaprodukte, Hülsenfrüchte und etwas Vergorenes wie Kimchi oder Sauerkraut isst, erleidet kaum einen Mangel.“ Freilich hänge die konkrete Verzehrsempfehlung von der Konstitution des Einzelnen ab. Eines aber sei 100-prozentig sicher: „Vegane Kost ist unheimlich abwechslungsreich und schmeckt auch wirklich ausgezeichnet.“ Und letztlich, so Aspalter, habe sie ihr, in Verbindung mit der Chemotherapie, das Leben gerettet.

Ernährungsstudie

Die Ärztin Rosa Aspalter, die an einem inoperablen Krebs mit zahlreichen Metastasen erkranktwar,glaubt, dass ihr die Chemotherapie vor allem in Verbindung mit veganer Kost geholfen hat.Nun macht sie dazu eine Studie.

Krebspatienten für Studie gesucht. An der Onlinestudie können Krebspatienten ab 18 Jahren teilnehmen. Sie dürfen nicht untergewichtig sein und müssen auf alle Fälle ihre Standardtherapie (Chemo- oder Strahlentherapie) weitermachen. Es gibt drei Gruppen: Veganer, Vegetarier und Allesesser. Nähere Infos unter 01/586 13 16-17 und auf www.essenundkrebs.net.

Ernährungsberatung sowie Information, Hilfestellung und Broschüren für Krebspatienten gibt es kostenlos auch bei der österreichischen Krebshilfe: 01/796 64 50 und www.krebshilfe.net.

Buchtipps

„China Study: Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise “; T. Colin Campbell und Thomas M. Campbell, 440 Seiten, 29,80Euro, Verlag Systemische Medizin

„Gabel statt Skalpell. Das Vegan-Kochbuch“, Del Soufre, 352 Seiten, 20,60 Euro und „Gabel statt Skalpell. Gesund durch Ernährung auf pflanzlicher Grundlage“, 224Seiten, 18,50Euro, beide Scorpio-Verlag

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2015)

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