Umwelt: Gesundes Tier auf dem Teller

Ob "Folgemilch" für Ferkel oder probiotische Ernährung für Schweine und Rinder: Das alles führt zu besseren, gesünderen Tierprodukten und einer gesünderen Umwelt.

Forschung Gesundes Tier Teller
Forschung Gesundes Tier Teller
Rinder – (c) AP (Christof Stache)

Wie wichtig die Gesundheit unseres Darms für die Gesundheit ist, erklären uns Fernsehwerbung und andere Bildungsinitiativen ständig. Wie wichtig die Darmgesundheit von Tieren für unsere Gesundheit ist, will ein neuer Forschungscluster an der Veterinärmedizinischen Uni Wien herausfinden: „Animal Gut Health ist ein intra-universitärer Forschungscluster“, sagt Qendrim Zebeli, Vorstand des Instituts für Tierernährung, „weil hier Institute und Kliniken innerhalb der Vetmed kooperieren.“ Am Mittwoch wurde der Forschungscluster feierlich eröffnet.

Je gesünder der Darm von Tieren, umso gesünder ihr Körper und Stoffwechsel: Gesunde Kühe, die sich wohlfühlen, geben mehr und bessere Milch, gesunde Schweine liefern mehr und gesünderes Fleisch, gesunde Hühner legen mehr und bessere Eier usw. Unser Körper verwertet Fleisch, Milch, Eier etc. von hoher Qualität besser als minderwertige Produkte, wohingegen Eier, deren Legehuhn einen ungesunden Darm hatte (Salmonellen), schnell sehr krank machen. „Bessere Darmgesundheit bei Tieren führt zu gesünderen Tieren, besseren Nahrungsmitteln und auch zu einer gesünderen Umwelt“, betont Zebeli.

Das mit der gesünderen Umwelt ist beim Thema „Methangas-Produktion von Rinderherden“ offensichtlich. „Daran arbeitet eine unserer Forschungsgruppen“, so Zebeli: „Denn Methan und andere Gase, die von Tieren durch die Verdauung im Pansen, dem Hauptmagen der Rinder, abgegeben werden, sind klimaschädlich.“ Die Gase reduzieren auch die Produktionseffizienz der Tiere. Als Beispiel: Von 50 Kilogramm Futter, das eine Kuh täglich frisst, gehen fünf Kilo der Energie allein durch die Produktion von Methan verloren. „Wir erforschen mit molekularen und mikrobiologischen Methoden, wie man die Anzahl der Bakterien im Pansen-Darmtrakt reduzieren kann, die Methan produzieren. Der Darm wie der Pansen sind ja ein Ökosystem mit Milliarden Bakterien und anderen Mikroorganismen.“ Auch die Menge an Ausscheidungen hängt von der Darmgesundheit ab – auch dies ist über Forschung und die richtige Behandlung bzw. Ernährung der Tiere beeinflussbar: „Wenn Nutztiere weniger Exkremente ausscheiden, kommt dies direkt unser Umwelt zugute.“


EHEC-Fälle.
Zebeli stammt aus Albanien, hat in Stuttgart studiert, promoviert und sich an der Universität Hohenheim habilitiert. Nun arbeitet er– nach zwei Jahren in Kanada – seit 2010 an der Vetmed-Uni Wien. „Wie schnell Darmbakterien von Tieren die menschliche Gesundheit beeinflussen, war heuer bei den EHEC-Fällen zu sehen“, sagt er: „Im Darm der Tiere schaden die Erreger, enterohämorrhagische E. coli, erstaunlicherweise weniger. Wenn sie in die Umwelt gelangen und mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, können sie beim Menschen gefährliche Krankheiten verursachen.“

Auch das möchten die Forscher erkunden: Wie stärkt man nützliche Bakterienstämme im Tierdarm, die die Krankheitserreger eliminieren? Denn die meisten Bakterien helfen ja bei der Verdauung des Futters und bei der Vorbeugung von Infektionen.


„Ökosystem Darm“. In jeder Tierart hausen Milliarden unterschiedlicher Mikroben im Darm – die Zusammenhänge, was sich positiv oder negativ auf die Gesundheit, die Fleisch- und Milchqualität auswirkt, werden erst jüngstens durch moderne Methoden klar.

„Wir wollen eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und praktischen Anwendungen bauen“, betont Zebeli. Versteht man die Wechselwirkung der einzelnen Bakterienstämme, kann man z.B. über die Fütterung jene Mechanismen fördern, die die Immunität verbessern und gegen Krankheiten wirken oder die für guten Appetit und Wohlbefinden beim Tier sorgen. „Die Forschungen sollen auch die Energie- und Produktionseffizienz in der Landwirtschaft steigern“, so Zebeli: „Tiere mit gesundem Darm wachsen schneller und gesünder: also große Vorteile für landwirtschaftliche Betriebe.“

In Zukunft könnten auch Testbetriebe mit dem Cluster kooperieren, wo die Forschungsergebnisse direkt am Tier umgesetzt werden. „Auch die Kooperation mit der Industrie wird durch den ,Animal Gut Health‘-Cluster stark gefördert“, sagt Zebeli: „Wenn sich die Forscher innerhalb der Vetmed zusammentun, sind unsere Ergebnisse für die österreichische Landwirtschaft wirksamer, und wir werden international sichtbarer. Wir können Personal und Infrastruktur gezielter einsetzen, um innovative Lösungen zu den aktuellsten Problemen zu finden.“

Als Erstes sollen die Forschungsergebnisse schnell in die Lehre einfließen, um neue Generationen gut auszubilden. „Das Wissen über Proteomics und Transcriptomics, also die Wechselwirkungen aller Proteine des Tieres und der Bakterien im Darm, ist genauso wichtig, wie das Wissen um Fütterungsmaßnahmen und die Auswirkung auf die Tiergesundheit bzw. die Prophylaxe.“ Vorerst geht es noch um Nutztiere, aber in Zukunft könnten auch Pferde und Kleintiere integriert werden. Aktuell laufen vier Projekte: Hier geht es z.B. um schwere Darmkrankheiten bei Ziegen (Enterotoxämie), die von Clostridien-Bakterien ausgelöst werden und ganze Ziegenherden erkranken bzw. sterben lassen. Clostridien sind Teil der gesunden Darmflora bei Tier und Mensch, doch manche Stämme haben pathogene Wirkung und können sich ungewöhnlich schnell vermehren. Die Gifte der Bakterien gelangen ins Blut des Tieres und wirken sich schädlich aus. „Die Impfung gegen Enterotoxämie schützt die Tiere nicht hundertprozentig“, so Zebeli. Nun wird erforscht, welche Bedingungen im Darm vorherrschen müssen und welche Fütterung am besten passt, damit sich die Clostridien nicht derart vermehren können.

„Bei Rindern ist die Pansen-Azidose eine schwere Krankheit. Weltweit weiß man, dass etwa 40 Prozent der Rinder darunter leiden, in Österreich wurde noch keine Studie dazu gemacht.“ Dies holt der Forschungscluster nun nach. „Auch die Konsequenzen der Krankheit auf die Darmflora und auf die Gesundheit des Rindes wollen wir untersuchen.“

Weiters stehen junge Ferkel im Fokus der Forschung: Im Alter von drei, vier Wochen werden sie von der Mutter entwöhnt. Bei der Nahrungsumstellung nach der Muttermilch sind die Tiere besonders anfällig für Krankheiten, leiden an Durchfällen und Stress. „Dies führt zu großen Schäden in landwirtschaftlichen Betrieben“, so Zebeli. Ähnlich wie man Menschenbabys mit der richtigen Folgemilch versorgt, wollen die Forscher die richtige Ernährung für Ferkel finden, um die Mikrobengemeinschaft im Darm zu stabilisieren.

Man sieht: An Ideen und Forschungsfragen zur Darmgesundheit bei Tieren mangelt es nicht. Die Vetmed-Uni hat die Basis gelegt für neue Ergebnisse, die Tieren – und auch uns– bestimmt besser helfen als Fernsehwerbung für probiotische Joghurts.

Lexikon

Der intrauniversitäre Cluster „Animal Gut Health“ umfasst die Institute für Tierernährung und für Milchhygiene sowie die Kliniken für Schweine und für Wiederkäuer. Der Darm als wichtigstes Verdauungsorgan und aktivster Teil des Immunsystems steht im Fokus.

Nun werden Personal und Infrastruktur besser koordiniert und Kooperationen mit der Futtermittelindustrie gestärkt.

In Zahlen

2

Millionen Rinder
und zirka drei Millionen Schweine werden in Österreich gehalten.

1,5

Milliarden Eier
und 110.000 Tonnen Geflügelfleisch werden jährlich in Österreich produziert.

50

Prozent der Nutztiere
sind „subklinisch“ krank: ohne klare Symptome.

40

Prozent der Rinder
weltweit leiden an „Pansen-Azidose“: Für Österreich wird dies nun erstmals untersucht.

10

Prozent der Energie,
die Rinder pro Tag aufnehmen, gehen
für die Produktion
von Methangas drauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2011)

Kommentar zu Artikel:

Umwelt: Gesundes Tier auf dem Teller

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen