Der Kampf mit dem elterlichen Hubschrauber

Vor einigen Jahren las ich in der „New York Times“ einen klugen Artikel darüber, wie sich das Leben ändert, sobald man Kinder hat.

Und so ringt man stets damit, kein Hubschraubervater, keine Hubschraubermutter zu werden.
Und so ringt man stets damit, kein Hubschraubervater, keine Hubschraubermutter zu werden.
Und so ringt man stets damit, kein Hubschraubervater, keine Hubschraubermutter zu werden. – (c) imago/photothek (Liesa Johannssen/photothek.net)

Der Name des Autors ist mir leider entfallen, aber an diesen Satz erinnere ich mich gut: „Eltern zu werden bedeutet, für den Rest seines Lebens ständig ein bisschen Angst zu haben.“ Wer Vater oder Mutter ist, weiß, wovon hier die Rede ist. Die Möglichkeiten für ein kleines Kind, sich zu verletzen oder ums Leben zu kommen, sind mannigfaltig, beginnend bei der Steckdose, nicht endend beim offenen Fenster. Und selbst wenn der Nachwuchs mehr oder weniger selbstständig ist, enden die Sorgen nicht: Als ich neulich auf dem Weg ins Büro über eine Pfütze von Erbrochenem stieg (nicht meines), ging in meinem Kopf sofort der bekannte Film „Oh Gott, hoffentlich ist meine Tochter später nicht eine von diesen jugendlichen Komasäuferinnen“ los.

Seine überanstrengte Vorstellungskraft mittels Appellen an Hausverstand und Probabilität zu beruhigen zu versuchen klappt nicht immer. Ja, die überwältigende Mehrheit der Kinder stürzt nicht aus dem Fenster, vergiftet sich nicht mit Abflussreiniger, gerät nicht in die Fänge finsterer Pädophilensyndikate. Doch wer kinderlos ist, wird nie die körperliche Reaktion nachempfinden können, die mich jedes Mal erfasst, wenn ich tragische Nachrichten mit Kindesbeteiligung lese. Gewiss fand ich Kindstode früher schon furchtbar; heute aber erschüttern sie mich bis ins Mark. Das geht so weit, dass mir gewisse kulturelle Formen unerträglich geworden sind: Einen düsteren Roman legte ich ebenso halb gelesen weg, wie ich eine handwerklich gewiss meisterhafte Krimiserie nach der ersten Folge abbrach, weil es beide Male um grausliche Kindsmörder ging.

Und so ringt man stets damit, kein Hubschraubervater, keine Hubschraubermutter zu werden und seinen Kindern die nötige Selbstbestimmung zu ermöglichen. Es ist ein Job mit Erschwerniszulage, das Elterndasein.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2019)

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