Mutige Menschen lassen sich gern überraschen

Nicht alle Menschen lieben Überraschungen, das dürfte auch mit dem Wunsch nach Kontrolle und Selbstschutz zusammenhängen.

(c) imago/Photocase (David-W- / Photocase)

Im Spielzeuggeschäft sind neben der Kassa Körbe aufgestapelt, die mit Vornamen beschriftet sind. Während die traditionellen Hochzeitslisten, die eine sinnvolle Ausstattung für Brautpaare statt Dutzender Vasen garantieren sollten, langsam der simplen Bekanntgabe einer Kontonummer für Überweisungen weichen, kommt diese Praxis nun immer häufiger für Kinderpartys zum Tragen. Nach dem Motto: Wer will schon zehnmal den gleichen Slime bekommen?

Das Kind sucht also vor seiner Geburtstagsfeier aus, worüber es sich freuen würde, das spart den Eltern der Gäste Zeit und Kopfzerbrechen. Zielgerichtet zu schenken heißt, mögliche Enttäuschung, aber auch freudige Aufregung zu minimieren. Was ist schlimmer, etwas Unerwünschtes auszuwickeln, über das man auch noch Freude heucheln muss, oder gar nicht überrascht zu werden? Aber weiß man nicht manchmal gar nicht, was die eigenen Wünsche wirklich sind?

Nicht alle Menschen lieben Überraschungen, das dürfte auch mit dem Wunsch nach Kontrolle und Selbstschutz zusammenhängen. Eitelkeit spielt auch eine Rolle. Bis heute unvergessen ist der erste Gedanke, nachdem einen Freunde nach der letzten Uni-Prüfung überraschend (und laut) in großer Zahl in einem Lokal empfingen: Warum man sich bloß an diesem denkwürdigen Tag in der Früh nicht die Haare gewaschen habe. Für andere kann es, egal in welchem Alter, gar nicht genug Überraschungsfeiern geben: Man wird zum unbeschwerten Gast auf der eigenen Party, ohne sich mit Organisation und Selbstoptimierung zu belasten.

Wer seine eigenen Geschenke aussucht, liest wahrscheinlich auch das Ende eines Buchs zuerst. Dieses dunkle Geheimnis teilen mehr Menschen, als man glaubt. Es sind meist auch die, die immer dieselben Eissorten wählen, auch wenn sie sich bis zum Moment der Bestellung vorgenommen haben, nun einmal abzuweichen. Manche Dinge sind einfach mächtiger als man selbst. Es gibt nichts Mächtigeres als Himbeereis.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2019)

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