Fischer von Erlach und ein bisschen Bürogerechtigkeit

Poster statt Veduten: ein Besuch am Judenplatz 11, vormals Böhmische Hofkanzlei.

Imperiales fürs Republikanische: Verwaltungsgerichtshof.
Imperiales fürs Republikanische: Verwaltungsgerichtshof.
Imperiales fürs Republikanische: Verwaltungsgerichtshof. – (c) Wolfgang Freitag

Kürzlich am Judenplatz 11. In den Räumlichkeiten der ehemaligen Böhmischen Hofkanzlei, seit Längerem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs, hat sich eine für verwaltungsrichterliche Verhältnisse eher ungewöhnliche Runde zusammengefunden. Die vier Herren des Aron-Quartetts wollen mit einem kleinen Konzert neugierig machen auf ihr Kammermusikfestival des kommenden Augusts, veranstaltet in der Klimt-Villa zu Hietzing und dem Werk von Komponisten gewidmet, die unter dem Naziregime verfolgt wurden. An diesem innerstädtischen Abend als Beispiele zu hören: ein elegisches Andante der aus Wien gebürtigen Vally Weigl und ein bis vor Kurzem verschollen geglaubter Streichquartettsatz des Jahrhundertdirigenten Bruno Walter.

Es gehört wohl zum innersten Selbstverständnis Wiens, dass bei solcher Gelegenheit der Präsident eines Verwaltungsgerichtshofs einleitend mit natürlichster Grandezza einen Musikologen abgeben kann – und dass eine der zentralen Institutionen der Republik in ursprünglich alles andere denn republikanischen Hallen residiert. Und ich bekenne gern, dass ich als in meiner Redaktion zu Erdberg nicht gar so imperial umgebener Redakteur schon ein wenig Neid empfand auf jene Richterschaft samt Mitarbeitern, die durch imperiale Treppenhäuser von der Hand Fischer von Erlachs und Mathias Gerls schreiten dürfen, um zu ihren teils nicht weniger imperialen Arbeitsräumen zu gelangen.

Ein wenig Trost wurde mir allerdings zuteil, als ich Folgendes erfuhr: Die imposanten Veduten an der Wand seien zwar imposant gerahmt, aber doch weit mehrheitlich nur Drucke. „Poster“, wie eine Dame des Hauses pikiert meinte. Experten des Kunsthistorischen Museums nämlich hätten die Originale Stück für Stück in ihr Museum heimgeholt. Ach ja, es gibt eben doch noch eine Ahnung von Bürogerechtigkeit in dieser Welt.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2019)

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