Hoch infektiös! Ein Ausschlag namens Klimaanlage

Wenn wärmt, was kühlen soll: Über die Win-win-Situation der Kältemaschinenindustrie.

Epidemie im Vorstädtischen: Außenteile von Klimaanlagen.
Epidemie im Vorstädtischen: Außenteile von Klimaanlagen.
Epidemie im Vorstädtischen: Außenteile von Klimaanlagen. – (c) Wolfgang Freitag

Waren das noch Zeiten, damals, gut 30 Jahre ist es her, als sich Sat-Schüsseln über Häuserfassaden ausbreiteten, als wären sie Feuchtblattern der Telekommunikation. Mittlerweile hat die Satellitenempfangs-Epidemie ihren Höhepunkt überschritten, und wo die seltsamen Exantheme, die sie wachsen ließ, nicht abgeheilt sind, hat man sich längst daran gewöhnt. Dafür macht ein neuer Infekt die Runde, der Fassaden, Dachlandschaften und Terrassen mit seinen Ausschlägen befällt: Die Rede ist von jenen Kleinklimaanlagen, die immer öfter auch im privaten Bereich installiert werden.

Besonders zügig scheint die Haushaltsausbreitung gegenwärtig im Vorstädtischen vonstatten zu gehen: erstaunlicherweise also genau dort, wo aufgrund nennenswerter Durchgrünung die Temperaturbelastung selbst schlimmster Hitzewellen ohnehin sehr viel weniger grausam ist als in den aufgeheizten Zentren.

Die Folgen sind hie wie da freilich ohnehin dieselben und lassen sich leicht an jenem Beispiel illustrieren, das zum Bestand jedes Schulunterrichts gehören sollte. Frage: Was geschieht in einem Raum, in dem man die Kühlschranktür offen stehen lässt? Richtig, nach den Gesetzen der Physik wird es nicht kälter, sondern wärmer. Bei Split-Klimaanlagen, jenen mit den auffälligen Außeneinheiten, verhält sich's nicht anders: nur dass sich jener Teil, der die wärmeerzeugende Kühlarbeit leistet, eben außerhalb des Raums befindet und folgerichtig nicht den Raum selbst, sondern die Luft der Umgebung zusätzlich erwärmt, was wiederum unser Kühlbedürfnis steigert. Etc. etc. Die Win-win-Situation der Kältemaschinenindustrie. Die Lose-lose-Situation der Vernunft.

Was soll's: Einfältiger, als im Winter Schanigärten zu beheizen, ist das auch nicht. Und um die Zukunft kümmern wir uns ohnehin lieber mit Transparenten in der Hand statt in den eigenen vier Wänden.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2019)

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