Wie der Fußball seinen Wert weginflationiert

Wissen Sie noch, wer vor drei Jahren die Champions League gewonnen hat? Ich auch nicht.

Gewiss ließe sich dies rasch durch eine Suche im Internet beantworten. Aber wenn das nötig ist, welchen Reiz hat dieser Sport dann noch? Ich bin, wie regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, ein großer Fußballfreund, aber von Jahr zu Jahr verglüht meine Liebe zu diesem Spiel immer schneller. Besonders schmerzhaft wird diese Entfremdung stets dann, wenn mir glorreiche Zeiten aus der selbst schon erlebten Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen werden. So war dies vor ein paar Wochen der Fall, als in Brüssel der exzellente Dokumentarfilm „Maradona“ anlief. Abseits des betrüblichen außerfußballerischen Absturzes dieses möglicherweise Besten aller Zeiten fiel mir am deutlichsten auf, wie knapp rationiert Fußball damals war. Sonntag war in der Serie A Match, erzählte Maradona, danach gab er sich dem neapolitanischen Nachtleben und allerlei Verbotenem bis zum Mittwoch hin, ehe er sich drei Tage lang für den nächsten Spieltag trimmte. Dieser karge Spielplan erhöhte die Vorfreude der Anhänger. Auch in anderen Ländern: „When Saturday Comes“ heißt ein englisches Fanmagazin, in Anspielung auf den traditionellen Matchtag auf der Insel. Als Bub wiederum waren mir die Samstagnachmittage vor dem Radio heilig, wenn „Sport und Musik“ lief, und ich nervös auf ein „Achtung, Achtung, Tor am Horrplatz“ wartete.

Heute hingegen hat man den Eindruck, dass es keinen Tag gibt, an dem nicht irgendwo im Fernsehen gekickt wird. Als Maradona '86 Weltmeister wurde, gab es 24 Teilnehmer. Heute wird ernsthaft darüber diskutiert, die WM-Endrunde von ohnehin kaum überschaubaren 36 auf 48 Mannschaften auszuweiten. Wieso muss man sich für Euroleague-Qualifikationsrunden Mitte Juli (!) interessieren? Wissen die Mächtigen von Fifa und Uefa nicht, dass man mit Verknappung eines Gutes seinen Preis steigert? So jedenfalls inflationiert sich der Fußball in die Belanglosigkeit hinweg.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2019)

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