Radkurse für Kinder: In Wien bremsen die Vorschriften

Ein privater Verein bietet Volksschulen Radfahrkurse an. Eltern, Lehrer und Schüler sind begeistert. Der Stadtschulrat nicht. Für die Bezirksschulrätin seien die eigenen Konzepte seit Jahren ausgereift.

Radkurse fuer Kinder Wien
Radkurse fuer Kinder Wien
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Wien. Wiens Stadtregierung arbeitet nun schon seit einigen Jahren daran, sich selbst und der Stadt ein zeitgemäßes, fahrradfreundliches Image zu verpassen. Das klappt vor allem bei teuren, politischen Prestigeprojekten (Stichwort: Radweg im Wiental-Flussbett). Im „echten“ Leben, sprich im Verwaltungsapparat, weniger. Das mussten zuletzt ein privater Verein, Schüler sowie deren Eltern und Lehrerinnen zur Kenntnis nehmen.

Weil Julia Seidl, eine engagierte Lehrerin in der Volksschule Erdbergstraße, ihren Schülern der 4C etwas Nachhaltiges bieten wollte, suchte sie aus eigenem Antrieb nach Anbietern von Radfahrkursen, die nicht im geschützten Labor des gesperrten Parkplatzes, sondern draußen, auf dem Radweg und der Nebenfahrbahn, stattfinden. Und wie einige ihrer Kolleginnen stieß sie bei der Recherche auf den Verein „Schulterblick“. „Das Programm und die vermittelten Inhalte haben alle begeistert“, sagt sie heute. Neun vierte Klassen anderer Schulen sahen das ähnlich. Ihrer nächsten vierten Klasse will Seidl diese Erfahrung „jedenfalls auch anbieten“. Möglich, dass es dazu wegen eines Vetos aus dem Stadtschulrat nicht kommen wird.

Mitte Juli nämlich erhielt Robert Fuchs, Obmann von „Schulterblick“, Post von der zuständigen Bezirksschulrätin Ursula Huber. Leider, schrieb sie, könne das Angebot aufgrund der „versicherungstechnischen und dienstrechtlichen Gesetzeslage“ nicht weiter angenommen werden. Die betroffenen Schulen werde man im Herbst gesondert über diese Entscheidung informieren.

 

Kurse im abgesperrten Areal

Der „Presse“ sagte Huber, dass der Verein nie an die Schulen hätte gehen dürfen. Und schon gar nicht für Entgelt (pro Schüler kostete das zweitägige Programm zehn Euro). Immerhin biete der Stadtschulrat den sogenannten Fahrradführerschein für Zehnjährige seit vielen Jahren kostenlos an. Projektpartner sind Polizei, der SPÖ-nahe ARBÖ sowie die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) als Sponsor. „Unser Anliegen ist die Sicherheit der Kinder, weshalb die Kurse in einem abgesperrten Verkehrsgarten stattfinden. Mit 50 Kindern auf der Ringstraße wäre das nicht möglich.“

Abgesehen davon, dass die Gruppen höchstens mit zwölf Kindern gleichzeitig auf Tour gehen, empfinden praktisch alle beteiligten Lehrerinnen genau diese Art der Wissensvermittlung als Problem. Die Auswertung eines Fragebogens, der nach den Kursen an die Pädagoginnen ausgeteilt wurde, ergab, dass diese nämlich vor allem den praktischen Bezug zum Verkehrsgeschehen schätzen. „Die Teilnahme an der realen Verkehrssituation ist wirksamer als Training im geschützten Raum“, schrieb eine. Eine andere wünschte sich den Kurs als „verpflichtende Vorbereitung für den Fahrradführerschein“. Warum? „Weil die Kinder sich in realen Verkehrssituationen bewegen, welche im Verkehrsgarten nicht gegeben sind.“

Genau das war auch die Idee der „Schulterblick“-Gründer Robert Fuchs und Dieter Wagner. Ihr Konzept zielt nicht auf das sture Vermitteln von Verkehrsregeln ab, sondern will die Kinder zur Interaktion mit den übrigen Verkehrsteilnehmern ermutigen. Nebenbei gibt es eine Einführung in die Themen Klimaschutz und umweltfreundliche Mobilität. In zwei Tagesblöcken von je vier Stunden werden Theorie und Praxis vermittelt. Höhepunkt ist eine gemeinsame Ausfahrt durch die Wiener Innenstadt.

Immer wieder beklagen Verkehrsexperten, dass der Zuwachs des Radverkehrs in Wien nur deshalb zustande käme, weil viele Zuwanderer aus den Ländern auf das Fahrrad umstiegen. Die Wiener selbst hätten oft das Problem, dass sie in ihrer Jugend kaum zum Radfahren gekommen sind – und es deshalb auch später nicht tun.

Ein Phänomen, das auch Volksschullehrerin Monika Seidl beobachtet. Gerade in Familien mit Migrationshintergrund sei Radfahren alles andere als modern. „Nun in der Stadt an den Autos vorbeizufahren war für alle eine tolle Erfahrung, die viele von ihnen ermutigt, auch später aufs Rad zu steigen.“

Beim Stadtschulrat sieht man das anders. Für die Inspektorin Huber seien die eigenen Konzepte zur Verkehrserziehung seit Jahren ausgereift. „Die unkomplizierte Vermittlung des Radfahrens funktioniert vielleicht auf dem Land. In Wien gibt's gewisse Regeln.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

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