"Suizidhilfe ist eine Sache der Privilegierten"

Wird Sterben auf Wunsch zum Massenphänomen, und braucht es Gesetze? „Die Presse“ befragte einen Lebensende-Forscher und einen Soziologen.

(c) EPA (David Adame)

Sie haben lateinische Namen – „Exit“ oder „Dignitas“ –, wie um die Antike als Zeugin zu zitieren: Der frei gewählte Tod, zu dem die Schweizer Suizidhilfevereine Menschen verhelfen, war für die Römer ein Menschenrecht.

Die Römer? Es waren Feldherren, Philosophen, Leute aus der „Upperclass“. Und das ist bis heute so. Jene, die für ihr Recht auf aktive Sterbehilfe streiten, sind nicht die Schwächsten der Gesellschaft. Eine Studie zur Suizidhilfepraxis in Oregon, wo diese gesetzlich zugelassen ist, zeigt: Sie wird in der Regel von etablierten, gebildeten Menschen in Anspruch genommen, die Geld haben und gewohnt sind, selbst zu entscheiden.

Ein bürgerlicher Würdebegriff

Menschen wie die 93-jährige Irmgard, deren „letzte Reise“ auf der Internetseite des Vereins Dignitas beschrieben ist – eine Dame aus dem ehemals kaisertreuen deutschen Bürgertum, die schon lange wusste: Bevor sie pflegebedürftig wird, will sie gehen. Ein privilegiertes Milieu mit ausgeprägtem Würdebegriff.

Noch ist ärztliche Suizidhilfe also eine eher elitäre Angelegenheit. Um sie zu bekommen, braucht es Hartnäckigkeit, Wissen und Selbstbewusstsein. Das Recht darauf wird von entschlossenen Einzelpersonen gepusht, wie jüngst dem gelähmten Briten Tony Nicklinson, der wenige Tage nach seinem vor Gericht gescheiterten Kampf um Suizidhilfe an einer Lungenentzündung starb.

Aber viele meinen, dass die Entwicklung zum Massenphänomen unausweichlich ist und aktive Sterbehilfe wie in den Niederlanden, Luxemburg, Belgien und der Schweiz bald überall in Europa zugelassen sein wird – mit allen damit verbundenen Gefahren.

„Heimtückische Diskursstrategie“

„Die Pensionsfrage ist absolut harmlos gegenüber der Frage, wie das Gesundheitssystem finanziert werden soll“, sagt der Grazer Soziologe Manfred Prisching. „Neben dem Rationierungsdiskurs – wer kriegt noch welche Maßnahmen? – wird die Euthanasiediskussion kommen, von beiden Seiten: Da sind die Leute, die sagen, ich verfüge über mein eigenes Leben. Auf der anderen Seite gibt es eine heimtückische Diskursstrategie, die man sich nie eingestehen würde: Lohnt sich das finanziell noch, für jemanden, der nur noch im Bett liegt? Das wird natürlich menschlich und humanistisch diskutiert werden. Der Mensch ist immer gut darin, schlechte Motive mit noblen zu überdecken.“

Wie perfide sich finanzielle mit berechtigten ethischen Interessen mischen und so bemänteln lassen, zeigt sich derzeit in England. Wie „Die Presse“ am Dienstag berichtete, werden britische Ärzte ermuntert, Listen über die ihrer Einschätzung nach bald sterbenden Personen zu führen. Die verdienstvolle Idee dahinter ist, einen „Lebensende“-Plan mit den Betroffenen und den Angehörigen zu entwerfen. Rein zufällig könnte diese Initiative eine Milliarde Pfund jährlich einbringen. Denn die Initiatoren nehmen an, dass viele Kranke lieber zu Hause sterben.

Sterbehilfe als „Versicherung“

„Das wird zwar immer behauptet, aber ich bin mir nicht so sicher, wir wollen dazu die Menschen befragen“, sagt der Freiburger Theologe Markus Zimmermann. Er leitet das im Oktober vom Schweizer Nationalfonds gestartete Forschungsprogramm „Lebensende“. Es soll für künftige politische Entscheidungen so viel wie möglich darüber herausfinden, wie die Menschen in der Schweiz sterben und sterben wollen. Ein Teil des Programms widmet sich auch der aktiven Suizidhilfe. „Wir wollen mehr darüber erfahren, wer diese Menschen sind, warum sie sterben wollen, wie die Praxis der Suizidhilfe aussieht.“

Rund 80.000 Mitglieder zählt der größte Schweizer Sterbehilfeverein, Exit, derzeit. „Die Menschen wollen sich die Option offenhalten, diesen Ausweg einmal zu nutzen“, sagt Zimmermann. Es sei wie eine Art Versicherung, die allerwenigsten würden je davon Gebrauch machen. Was man auch noch weiß, obgleich die Forschungsergebnisse nur bedingt repräsentativ sind: Unter denen, die sich beim Suizid helfen lassen, sind viel mehr Frauen als Männer; rund ein Drittel von ihnen sind nicht am Lebensende; und der Hauptgrund für den Sterbewunsch sind Schmerzen.

Stimmt es, dass heute die Mehrheit der Menschen für aktive Sterbehilfe ist? Etliche Umfragen behaupten das, doch wie wird gefragt? In einer Studie an der Uni Zürich wurde den Befragten der Fall einer Krebspatientin vor Augen gestellt, die an „unerträglichen“ Schmerzen leide und nur noch kurz zu leben habe. Eine Mehrheit sprach sich in diesem Fall für ärztlich assistierten Suizid aus, woraus die Botschaft wurde: Die Mehrheit der Schweizer sind für aktive Sterbehilfe.

Verdeckte Suizidhilfe in Österreich

Dass heute mehr Menschen dafür seien als in der Vergangenheit, sei ein Mythos, sagt der Lebensende-Forscher. „Es gab immer wieder Wellen, in den 60er- und 70er-Jahren etwa war die Zustimmung in der Schweiz und Deutschland ganz hoch. Und schon in der Weimarer Republik wurde heftig diskutiert, mit genau den gleichen Argumenten! Nur sind heute aktive Interessen im Spiel.“ Entscheidend sei auch, wen man frage. „Kerngesunde 18-Jährige sind viel eher für Suizidhilfe als kranke Alte.“

Zimmermann ist überzeugt, dass der Wunsch, sich vorzeitig in den Tod befördern zu lassen, eine Randerscheinung autonomer Persönlichkeiten bleiben wird, zumal er nicht glaubt, dass die leidvolle Alterszeit sich stark verlängern wird. „Studien zeigen, sie wird sich einfach nach hinten verschieben.“ Also warum Gesetze machen für so wenige, fragt er, bei Gefahr des Missbrauchs und damit der Gefährdung von verletzlichem Leben? In Österreich werde aktive Suizidhilfe vermutlich verdeckt genauso betrieben wie in der Schweiz, ist er überzeugt. „Aber eine Suizidhilfe-Praxis gibt es seit der Antike, und wenn sich eine Praxis nicht durch ein Gesetz 'normalisieren' lässt, dann ist es sicher besser, auf neue Regelungen zu verzichten.“

Sinnvoll oder nicht, für Prisching wird der „steigende Problemdruck“ Gesetze für die aktive Sterbehilfe unausweichlich machen. „Sie sind bei uns noch nicht gesellschaftsfähig, aber solche Diskurse entstehen langsam. Man denkt anders, wenn man sich zehn Jahre damit vertraut gemacht hat.“

Zu den Personen

Markus Zimmermann ist Theologe und Medizinethiker an der Universität Freiburg, seit Oktober leitet er das nationale Schweizer Forschungsprogramm „Lebensende“.

Manfred Prisching ist ein Grazer Soziologe, im Sommer sprach er in Alpbach über das Thema „Generationengerechtigkeit“ und damit verbundene künftige Krisen. [Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2012)

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