„Anstieg der Drogentoten steht bevor“

Seit März ist eine neue Drogenverordnung in Kraft, die die Spielregeln für Patienten in Ersatztherapie (Substitution) neu regelt. Experten ziehen in der „Presse“ eine negative Zwischenbilanz.

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(c) Gepa

Wien. Am 1. März 2007 änderte das Gesundheitsministerium die Rahmenbedingungen für 7500 Suchtgift-Abhängige, die sich in Drogen-Ersatztherapie (Substitution) befinden. Basis ist eine von Anfang an umstrittene Verordnung, die Missbrauch und Schwarzhandel von Ersatzdrogen beschränken, Todesopfer reduzieren und die Therapie verbessern sollte. Vier Monate nach Inkrafttreten ziehen Experten Bilanz. Fazit: Das Experiment ist gescheitert.

Drastisch formuliert es Karl Nemec, Drogenbeirats-Delegierter der Tiroler Ärztekammer. „Ein Anstieg der Drogentoten steht bevor.“ Begründung: Die Nachfrage nach Therapie für Opiat-Abhängige, in Österreich sind das 32.000, übersteigt das Angebot. Seit 1. März, sagt Nemec, haben 30 bis 40 Prozent aller substituierenden Ärzte dieses Angebot eingestellt. Gründe dafür seien der bürokratische Aufwand und die schwer zu bekommende Zusatzausbildung, die die neue Drogenverordnung vorschreibt. In Tirol könne daher die Patientenbetreuung nur noch „notfallmäßig aufrecht erhalten werden“, in den übrigen Bundesländern sei die Situation ähnlich.

Auch Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz am Wiener AKH und Mitglied des Obersten Sanitätsrates (OSR), hält eine Veränderung der Verordnung für notwendig. Was sie stört, ist, „dass die Verordnung Ärzten vorschreibt, welche Medikamente zu verwenden sind, und welche nicht.“ In der Praxis bedeutet das, dass das bisher wegen seiner besseren Verträglichkeit besonders häufig eingesetzte Präparat Substitol nur noch in Ausnahmefällen eingesetzt werden darf. Im Gegenzug nennt die Verordnung Buprenorphin ausdrücklich als Mittel der ersten Wahl. Für Fischer ist dies deshalb problematisch, weil jeder Arzt per Gesetz dazu verpflichtet sei, jedem Patienten die bestmögliche Therapie angedeihen zu lassen. „Das Gesetz kann aber nicht wissen, welches Medikament und welche Therapie für den Einzelnen am besten sind.“

Anders als ihr Tiroler Kollege Nemec kann Fischer der verpflichtenden Zusatzausbildung, die substituierende Ärzte machen müssen, einiges abgewinnen. „Das kommt den Patienten zugute.“

Wie „Presse“-Recherchen ergaben, bereitet den Ärzten aber tatsächlich die vorgeschriebene Zusatzausbildung das meiste Kopfzerbrechen. Dabei geht es nicht darum, dass sich niemand fortbilden will, sondern um den Aufwand. Die meisten Ärzte betreuen nämlich jeweils nur sehr wenige Suchtkranke. Für sie „rechnet“ es sich daher nicht, dieses Service weiterhin anzubieten. Das Problem für das Gesamtsystem ergibt sich, weil die meisten der 7500 auf Ersatztherapie eingestellten Patienten bisher in eben diesen Klein-Praxen betreut wurden.

Auch das Ziel der Eindämmung des Substitol-Schwarzhandels wurde verfehlt. Die noch unter Maria Rauch-Kallat durchgesetzte Verordnung sollte eigentlich durch strengere Mitgaberegelungen verhindern, dass Patienten ihre in der Apotheke abgeholte Wochenration am Schwarzmarkt zu Geld machen. Tatsächlich bewirkte sie, dass insbesondere Berufs-Wiedereinsteiger Probleme mit ihren Arbeitgebern bekamen, weil sie täglich zur Medikamenteneinnahme in die Apotheke mussten.


Vorgezogene Evaluierung

Der Schwarzmarkt blüht weiterhin. „Substitol wird am Karlsplatz nach wie vor gehandelt“, so ein ranghoher Szene-Kenner und Kriminalpolizist zur „Presse“. Auf Grund der niedrigen Preise kämen sogar Kranke aus ganz Österreich nach Wien, um sich hier mit illegal vertriebenem Substitol einzudecken.

Die massive Experten-Kritik veranlasst nun auch Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky zu einer Reaktion. Ursprünglich hätte die Verordnung nämlich erste Ende 2008 einer Evaluierung unterzogen werden sollen. Wie im Ministerium zu erfahren ist, soll diese nun im Herbst 2007, also nur ein halbes Jahr nach In-Kraft-Treten der Verordnung, durchgeführt werden.

DIE VERORDNUNG

Mit 1. März wurde die Drogen-Ersatztherapie (Substitution) auf eine neue, rechtliche Basis gestellt. Die wichtigsten Punkte dabei sind:

Zentrale Erfassung: Der Amtsarzt weiß genau, welcher Patient bei welchem Arzt Medikamente bekommt bzw. bekommen hat. Sogenanntes „Doctor-Shopping“ wird dadurch vorgebeugt.

Mittel erster Wahl: Methadon und Buprenorphin werden dem weit verbreiteten Substitol vorgezogen.

Einnahme: Die Medikamente sind täglich und unter Aufsicht einzunehmen. Schwarzhandel soll so verhindert werden.

Ausbildung:Subistutionstherapie anbietende Ärzte müssen eine Zusatzausbildung machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)

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