Wien erhält symbolische Stadtmauer

Ein „Eruv“, eine symbolische Stadtmauer rund um den Wiener Gürtel, soll strenggläubigen Juden am Schabbat das Leben erleichtern.

Die Presse (Bruckberger)

WIEN.Ein Teil Wiens bekommt eine neue Grenze: einen „Eruv“. Mit dieser symbolischen „Umzäunung“ der Bezirke innerhalb des Gürtels soll den orthodoxen Juden das Leben erleichtert werden. Diese dürfen ihren religiösen Gesetzen zufolge am Schabbat (Freitag Abend bis Samstag Abend) im Freien weder Gegenstände noch Personen – etwa das eigene Kind – tragen. Das gilt auch für das Schieben eines Kinderwagens.

Deshalb verbringen streng gläubige Mütter die Samstage oft so lange daheim, bis der Nachwuchs laufen kann. Innerhalb eines Eruvs wäre das nicht notwendig. „Das Gebiet wird rituell zur privaten Domäne erklärt“, beschreibt Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), das Konzept. Das Prinzip des Eruvs ist über 2000 Jahre alt. Ursprünglich galt eine Stadtmauer als Begrenzung. Heute behilft man sich mit mauerähnlichen Konstruktionen, wie die alten Stadtbahnbögen, in Hochlage geführte Bahnstrecken oder ein Flussbett (eine Mauer kann auch nach unten zeigen). Die Wiener Rabbiner einigten sich auf einen Verlauf entlang des Gürtels, der Donau und der Ost- und Südbahn. Damit würde der Eruv die Bezirke 1, 3 bis 9 und den 20. Bezirk zur Gänze, den 2. Bezirk bis zur Ostbahnstrecke im Süden umfassen. Ein Eck vom 11. Bezirk wäre auch dabei.


Mit Draht die Lücken schließen

Allerdings muss der Eruv lückenlos sein. Der mit der Vorplanung beauftragte Maurizi Berger erklärt, dass vier bis fünf der insgesamt 25 Kilometer überbrückt werden müssten. Dies geschieht, indem man in einigen Metern Höhe einen Draht spannt, der in regelmäßigen Abständen an Masten befestigt wird. Eine solche Konstruktion stehe für symbolische Stadttore, bestehend aus zwei Seitenpfeilern und einem Querbalken, erklärt Berger. Teilweise könne man bestehende Lichtmasten als Pfeiler benutzen, teilweise müssten die Masten erst errichtet werden (40 bis 50).

„Zum Schluss muss der Wiener Bürgermeister der jüdischen Gemeinde den Boden symbolisch verleihen“, erklärt Rabbiner Eisenberg. Davon weiß man im Büro von Michael Häupl noch nichts. Aber sein Pressesprecher betont, dass die Stadt das Projekt positiv beurteile. Was die Baubewilligungen angeht, müsse man die Einreichung abwarten. IKG-Präsident Ariel Muzicant ist zuversichtlich, dass das bald geschehen werde: „Ich denke in zwei Monaten können wir um die Bewilligungen ansuchen.“ Derzeit würden noch die Pläne gezeichnet. Für noch mehr Tempo in Sachen Eruv tritt die Liste „Misrachi“ ein, die am Sonntag bei der Wahl zum Vorstand der IKG auf dem Wahlzettel steht.


Eine Mio. Euro Spenden nötig

Ein genauer Kostenplan für die Errichtung des Eruvs liegt noch nicht vor. Maurizi Berger meint, dass „es durchaus über eine Million Euro werden kann“. Schließlich koste jeder einzelne Mast einige tausend Euro. Und für das Spannen des Drahts müsste ein Rüstwagen ausrücken. Berger rechnet mit Arbeiten von ein bis zwei Monaten ab Baubeginn. Die IKG wird das Projekt, das im Lauf des nächsten Jahres fertig werden soll, ohne öffentliche Förderungen bestreiten. Stattdessen will sie für den ersten Wiener Eruv seit 1938 eine Spendenaktion starten.

Aber auch nach der Errichtung des Eruvs würden laufende Kosten anfallen, erklärt der Oberrabbiner: „Jeden Freitag muss jemand die Strecke abgehen und kontrollieren, dass der Draht nirgendwo gerissen ist, bzw. das reparieren. Sonst ist der Eruv am Schabbat nicht koscher.“ Weltweit gibt es übrigens mehr als 150 Eruvim, unter anderem in London, Antwerpen und Straßburg. Und einen in Hinterglemm (Salzburg). Dort führt der Direktor des „Blumenhotel Tirolerhof“ im Sommer und an einigen jüdischen Feiertagen sein Haus koscher. Und seit fünf Jahren liegt das Hotel nicht nur im idyllischen Pinzgau, sondern auch inmitten eines Eruvs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2007)

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