Wachau droht Verlust des Welterbe-Status

Ein umstrittenes Wohnbauprojekt in Dürnstein inmitten der Weingärten soll Platz für Jungfamilien schaffen. Die Unesco betrachtet das Projekt mit Argwohn.

(c) Office le Nomade

Dürnstein. „Aus unserer Sicht dürfte dort überhaupt nicht gebaut werden“, sagt Wilfried Posch, Architekt und Wachau-Berichterstatter des Unesco-Beraterkomitees „Icomos“, im Gespräch mit der „Presse“. Wenn ein umstrittenes Siedlungsprojekt in Dürnstein, das derzeit das Bewilligungsverfahren durchläuft, tatsächlich gebaut wird, könnte die Wachau ihren Status als Welterbe verlieren.

Die 1000-Einwohner-Gemeinde im Herzen der Wachau steckt in einem Dilemma: Seit Jahren schrumpft die Einwohnerzahl, es mangelt an erschwinglichem Wohnraum für junge Familien: Die mittelalterlichen Häuser im Ortskern sind teuer in der Erhaltung und werden oft von betuchten Ausländern gekauft. Nun soll ein Siedlungsbau der Kremser Gedesag-Genossenschaft Abhilfe schaffen. Allerdings: Gebaut werden soll am Ortsrand in landschaftlich sensiblem Gebiet, inmitten der Weingärten vor dem Prandtauer-Kellerschlössel, einer der barocken Attraktionen der Wachau.

Gottfried Thiery, Obmann der „Gesellschaft der Freunde Dürnsteins“ befürchtet, dass durch moderne Bauten das wichtigste Kapital der Region verspielt wird: die schöne Landschaft. Darunter könnte der Tourismus leiden, neben dem Wein- und Obstbau wichtigster Arbeitgeber in der Region. Dürnsteins Bürgermeisterin Barbara Schwarz ist selbst nicht hundertprozentig glücklich mit dem Projekt: Zwar sei Wohnraum für die Stadtentwicklung dringend notwendig – nur noch 13 Kinder besuchen die örtliche Volksschule – aber der Bauplatz sei natürlich kritisch.


Negativer Unesco-Bericht

Weil der aber schon seit 1987 als Bauland gewidmet ist und eine Rückwidmung teure Schadenersatzansprüche zur Folge hätte, habe sie eben – in enger Zusammenarbeit mit Grundeigentümer Gedesag – das Beste aus der Situation gemacht. Ein Architektenwettbewerb mit hochkarätig besetzter Jury hat Mitte Jänner ein Projekt ausgewählt, das auch kulturelle Aspekte der Region miteinbezieht (siehe Bild). Durch die Steinmauern an den kubischen Bauten soll ein Bezug zu den Weinterrassen der Wachau hergestellt werden.

Auch die österreichischen Welterbe-Wächter von „Icomos“ attestieren Gemeinde und Gedesag, alle Anregungen für die Integration in die Kulturlandschaft – beispielsweise die Begrünung der Dächer – aufgenommen zu haben. An den grundsätzlichen Einwänden des Komitees, das den Schutz der acht österreichischen Welterbe-Stätten beaufsichtigt, gegen das Projekt ändere das aber nichts.

Wenn die zwölf Wohneinheiten tatsächlich errichtet werden – geplanter Baubeginn ist Mitte des Jahres – würde das in einem Bericht an die Unesco negativ erwähnt. Deren Mitgliedsstaaten müssten dann ausverhandeln, ob der Welterbe-Status weiter erhalten bleibt, erklärt Architekt Posch die weitere Vorgangsweise.

Die Architektur der seit mehr als 25.000 Jahren besiedelten Wachau war einer der wichtigsten Gründe für die Aufnahme in die Welterbe-Liste. In Österreich sind acht Gebiete als Weltkultur- oder Weltnaturerbe geschützt: Neben der Wachau und dem Salzkammergut steht auch die Wiener Innenstadt auf der Liste. In der Bundeshauptstadt kam es zuletzt mehrfach zu Auseinandersetzungen mit dem Icomos-Komitee.

WELTERBE

Die Wachau ist seit 2000 auf der Welterbe-Liste der Unesco. Zu den 851 von den Mitgliedsländern freiwillig geschützten Kultur- und Naturdenkmälern gehören auch die Akropolis und die Wiener Innenstadt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008)

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