Fliegerbomben: Blindgänger lauern unter Bahnhöfen

Eine eigene Abteilung der ÖBB hält beim Bau des Wiener Hauptbahnhofs nach Sprengkörpern am Baugelände Ausschau.

Fliegerbombe
Fliegerbombe
(c) AP (RUBRA)

WIEN. Auf dem Gelände von Wiens Bahnhöfen liegen noch zahlreiche explosive Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie viele nicht explodierte Fliegerbomben konkret noch unter Geleisen, Gebäuden oder Bahnhofsanlagen im Erdreich stecken, ist nicht klar. Doch bei Bauarbeiten stößt man immer wieder auf Blindgänger.

Zuletzt wurde etwa im heurigen April eine 250 Kilogramm schwere Bombe nahe den Südbahngleisen beim Matzleinsdorferplatz entdeckt – für die Entschärfung musste der Bahnverkehr kurzfristig unterbrochen werden.

Vor allem rund um den Bau des neuen Hauptbahnhofs will man daher bei den ÖBB auf Nummer sicher gehen. Etwa sechs Monate vor Baubeginn, der Ende 2009 erfolgen soll, wird eine eigene Kampfmittelräumfirma nach sprengfähigen Kriegsrelikten suchen. In Gebieten, wo besonders tief gebaut werden muss, gibt es vorher eigene Tiefensondierungen, erklärt ÖBB-Sprecherin Alexandra Kastner. Und sobald eine der Messsonden etwas Verdächtiges aufspürt, wird die Explosive Ordnance Consulting (EOC), eine eigene Einheit der ÖBB für den Umgang mit explosivem Material, verständigt.

Während sich die Bundesbahnen beim künftigen Zentralbahnhof sehr intensiv mit der Möglichkeit explosiver Überraschungen befassen, weisen sie am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs die Verantwortung von sich: Für das 75 Hektar große Areal, auf dem ein neuer Stadtteil entstehen soll, könne man keine Verantwortung übernehmen – und nachdem man als Grundeigentümer keine Erdarbeiten durchführt, spielt man den Ball an den Bauträger weiter.

Dass gerade Bahnhöfe und Gleisanlagen bombenverseucht sind, hat einen simplen Grund: Sie waren im Zweiten Weltkrieg strategische Ziele – wie auch Brücken, Raffinerien oder Flugzeugwerke. Orte wie diese sind es auch, zu denen die Spezialisten des Entminungsdienstes im Bundeskriminalamt am häufigsten gerufen werden. „2007 sind wir 1026-mal ausgerückt“, sagt Willibald Berenda, Chef des Entminungsdienstes.

Die Blindgänger werden in der Regel vor Ort entschärft – der Zünder wird entfernt –, abtransportiert und auf den Bundesheer-Truppenübungsplätzen in Großmittel oder Allentsteig kontrolliert gesprengt. Komplizierter ist es, wenn es sich um eine Bombe mit Zeitzünder handelt – mit Hilfe eines Säurezünders konnten Bomben so eingestellt werden, dass sie nicht beim Aufprall, sondern erst später detonieren, um etwa Räumungstruppen zu treffen.

Findet der Entminungsdienst einen solchen Sprengkörper, wird die Bombe gleich am Fundort gesprengt – nachdem die Umgebung großräumig abgesperrt und gesichert wurde. Früher wurden auch solche Sprengkörper abtransportiert, doch seit einem Unfall im Jahr 2003 in Salzburg, bei dem zwei Spezialisten getötet wurden, geht man auf Nummer sicher.

 

Bombe explodiert von selbst

Eine solche Bombe war es auch, die vergangenen Freitag in einer Wiener Gärtnerei einen 14 Meter breiten und sechs Meter tiefen Krater in den Boden sprengte. Zur Detonation kam es, weil der Säurezünder, der fast 63 Jahre unbeschadet überstanden hatte, plötzlich doch kollabierte. Ein Fall, der nicht häufig vorkommt. Seit Beginn der Aufzeichnungen des Entminungsdienstes im Jahr 1946 kam es in ganz Österreich bisher zu sechs Selbstdetonationen. „Ein solcher Fall“, so Berenda, „kommt nur alle zehn Jahre ein Mal vor.“

Auf einen Blick

14.000 nicht detonierteFliegerbomben werden auf österreichischem Gebiet vermutet – der Großteil davon auf strategisch wichtigen Orten wie Bahnhöfen und Gleisanlagen.

Entminungsdienst: Wird ein Blindgänger entdeckt, rückt eine Spezialtruppe des Bundeskriminalamts an, die die Bombe entschärft und abtransportiert – oder am Fundort sprengt.

Gefahr: Problematisch sind vor allem Bomben mit Zeitzündern, die auch nach 60 Jahren unvorhergesehen detonieren können, wie zuletzt am Freitag in einer Gärtnerei in Wien Liesing.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2008)

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