"Die Jagd nach Mr. X": Die Stadt als Spielbrett

Die Wiener Linien haben einen Spieleklassiker in die Realität umgesetzt. Der Ansturm auf „Jagd nach Mr. X“ war groß. 80 "Agenten" verfolgten einen Spieler quer durch Wien.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Betrunkene, Bettler, Drogendealer – Fahrgäste der Wiener U-Bahnen sind einiges gewöhnt. Aber das? Die Passagiere der U2 meiden den Anblick des Mannes, der gerade, es ist Freitagabend, in den Waggon gestiegen ist: Schwarzer Mantel, Hut, Aktentasche und Sonnenbrille, ein weißes „X“ auf der Tasche rundet das Bild ab. Gehetzt blickt er um sich, setzt sich, tippt eine SMS in sein Handy und verlässt die U-Bahn am Karlsplatz, um zur nächsten Bushaltestelle zu hasten.

Gleichzeitig jagen knapp 80 junge „Agenten“, ausgerüstet mit Ausweisen und speziellen Tickets mit nur einem Ziel im Kopf durch andere Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrsnetzes der Innenstadt: diesen „Mister X“ zu fangen.

„Scotland Yard“ heißt der Spieleklassiker des Ravensburger-Verlages, bei dem sich ein gesuchter „Mister X“ mithilfe öffentlicher Verkehrsmittel über das Spielbrett, einen stilisieren Stadtplan Londons, bewegt. Alle paar Züge muss er seinen Standort offenbaren, damit die Spieler die Chance haben, ihn – ebenfalls unterwegs im öffentlichen Verkehr – einzufangen.

 

SMS-Meldung alle zehn Minuten

Dass sich das Spiel auch in der Realität spielen lässt, liegt spätestens seit Aufkommen der mobilen Kommunikation auf der Hand: „Mister X“ darf sich dabei in einem bestimmten – im Wiener Fall grob vom Gürtel eingegrenzten – Gebiet mit den öffentlichen Verkehrsmitteln U-Bahn, Straßenbahn und Bus bewegen und gibt alle zehn Minuten per SMS an die Teilnehmer durch, wo er sich gerade aufhält.

Elisabeth und Clemens sind eigens aus dem Marchfeld angereist, um mitzuspielen. Als eines von 30 „Agententeams“, die jeweils aus zwei bis drei Mitspielern um die 20 bestehen, hetzen sie den Hinweisen der Zielperson nach. Als Nichtwiener fällt es ihnen schwer, den Angaben von „Mister X“ zu folgen: „Wo bitte ist die Laudongasse?“, suchen die beiden frustriert den Stadtplan ab, nachdem wieder eine SMS eingetroffen ist. Schnell machen strategische Überlegungen die Runde, wo „X“ von seinem Standort aus überall hin könnte und was taktisch klug wäre – kriminologisches Denken vom Schlage „Was würde der Täter tun?“ ist gefragt. Die verschiedenen Teams – untereinander dürfen sie sich nicht absprechen – gehen mit unterschiedlichen Methoden auf die Jagd: Die einen warten auf Knotenpunkten, am Karlsplatz oder beim Volkstheater, und hoffen, dass „X. vorbeikommt, andere versuchen, ihn am Weg von seinem letzten Standort abzufangen. Allgemein herrschen unter den Teams gute Laune und gehetzter Sportsgeist – auch als „Mister X“ nach nur 20 Minuten verkündet, dass er gefangen wurde. Egal, es folgt noch ein zweiter Durchgang, in dem die Teams wieder die Chance haben, ihn durchs Verkehrsnetz zu jagen.

 

Großes Interesse bei Älteren

Ausgerufen hat die Jagd eine ansonsten eher unverdächtige Organisation: die Wiener Linien. Mit seinem ersten „Street Game“ will der städtische Verkehrsmonopolist seine Imagekampagne auf Jugendliche und junge Erwachsene ausdehnen und die unternehmenseigene Jugend-Webschiene „Ride on time“ prominenter platzieren. Das scheint vorerst gelungen: 90 Teams, dreimal so viele, wie letztlich mitmachen konnten, meldeten sich zur Jagd nach Mister X an. Dass die Aktion wiederholt wird, gilt als sicher.

Ausgeschrieben war die Aktion nur für 16- bis 26-Jährige, überraschenderweise haben sich auch viele Personen jenseits der 26 für das Spiel interessiert, erzählt Hannes Wutzel vom Marketing der Wiener Linien. „Möglicherweise werden wir in Zukunft auch eine Runde für ältere Leute anbieten.“

Auf einen Blick

Agentenspiel in den Öffis:
Erfolgreich verlief ein von den Wiener Linien organisiertes Spiel: 80 „Agenten“ suchten einen „Mister X“, der im öffentlichen Verkehrsnetz Wiens unterwegs war und fallweise via SMS seinen Standort meldete. Das Interesse an dem Spiel war riesig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2009)

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