Verseuchte Milch: Wie sicher sind die Lebensmittel?

Die mit dem krebserregenden Umweltgift Hexachlorbenzol kontaminierte Milch in Kärnten ist nicht der erste Skandal in Österreich. Und höchstwahrscheinlich auch nicht der letzte.

Gift im Gras: In Kärnten gelangte Hexachlorbenzol auf die Futterwiesen.
Gift im Gras: In Kärnten gelangte Hexachlorbenzol auf die Futterwiesen.
Gift im Gras: In Kärnten gelangte Hexachlorbenzol auf die Futterwiesen. – (c) BilderBox

Wien. Mit Hexachlorbenzol (HCB) kontaminierte Milch ist der jüngste Lebensmittelskandal, bei dem 35 Bauern betroffen und, wie es aussieht, unschuldig sind. Doch wie konnte das passieren? Wie werden Lebensmittel kontrolliert?

1 Wie ist der aktuelle Stand der Untersuchungen im jüngsten Fall?

Im Kärntner Görtschitztal, das sich als Genussregion Milch vermarktet, sind 35 Milchbauern angesiedelt – und zwei industrielle Betriebe, einer ist vermutlich für das Umweltgift verantwortlich. Derzeit läuft die Prüfung. Wie berichtet, wurde das Gift in Milch und Futtermittel bei fünf Betrieben festgestellt. Diese wurden behördlich geschlossen. Die Produkte sind nicht in den Handel gekommen. Mittlerweile hat das Zementwerk der Firma Wietersdorfer Stellung genommen. Seit 2012 wird Blaukalk verwertet. Im Oktober 2014 wurde man von Anrainern informiert, dass es Verunreinigungen gab, seit 7. November wird kein Blaukalk mehr verwendet. „Dass HCB eine Belastung im Blaukalk ist, war weder uns noch Behörden bekannt“, sagt Werksleiter Berndt Schaflechner. Landeshauptmann Peter Kaiser hat die Landesamtsdirektion mit „umfassenden Untersuchungen“ beauftragt. Er will wissen, „warum es seit Bekanntwerden der Umweltbeeinträchtigung im Frühjahr so lange bis zur öffentlichen Information gedauert hat“.
Allerdings lag der damalige HCB-Wert unter dem Grenzwert, weshalb auch das Zementwerk nicht informiert wurde. Hexachlorbenzol, früher Beizmittel gegen Pilzbefall bei Getreide, wurde 2001 weltweit verboten. Es kann Lungen-, Leberprobleme verursachen und für Kleinkinder tödlich sein.

 

2 Wer ist in Österreich für Lebensmittelsicherheit verantwortlich?

Die Lebensmittelaufsicht obliegt den Ländern. In Wien ist es beispielsweise das Marktamt (MA 59). 80 Mitarbeiter kontrollieren an sieben Tagen der Woche stichprobenartig Lebensmittel in allen rund 18.000 Lebensmittelbetrieben (Geschäfte, Märkte, Restaurants etc.). Pro Jahr werden 13.000 Kontrollen durchgeführt – und zwar in allen Stadien, während der Produktion ebenso wie im Regal eines Supermarktes. Zusätzlich werden 10.000 Proben entnommen. 2013 wurden rund 50 Proben als gesundheitsschädlich eingestuft – das entspricht dem langjährigen Schnitt.

 

3 Sind die Lebensmittel, die in den Handel kommen, absolut sicher?

Nein – auch nicht Milch. Um hundertprozentige Sicherheit zu gewährleisten, müsste jedes Produkt kontrolliert werden. Dafür müsste jeder zweite Österreicher Lebensmittelkontrolleur sein.

 

4 Was passiert, wenn ein Produkt als gesundheitsschädlich gilt?

Der Bestand wird sofort beschlagnahmt. Darüber hinaus werden die Produktionsstätten überprüft und herausgefunden, an wen diese Ware ausgeliefert wurde, um sie zu beschlagnahmen bzw. zu vernichten. Die Strafen bei Fehlverhalten reichen von Ermahnungen bis Anzeigen mit hohen Geldstrafen bei Verurteilungen (schon bei erstmaligen Vergehen sind es mehrere tausend Euro). Zumeist geht es um Verwaltungsstrafverfahren. Wenn die Gesundheit gefährdet war, sind es auch Gerichtsverfahren.

 

5 Wer kontrolliert das Leitungswasser auf Verunreinigungen?

Ebenfalls die Lebensmittelaufsicht der Länder. In Wien werden pro Jahr 170 Proben entnommen – beginnend in den Wasserwerken.

 

6 Welche Lebensmittelskandale gab es zuletzt in Österreich?

Acht Menschen sind 2009 und 2010 in Österreich und Deutschland nach dem Konsum von mit Listerien verunreinigtem Rohmilchkäse des oststeirischen Werks der Firma Prolactal gestorben – der schlimmste Lebensmittelskandal der vergangenen Jahre. Die beiden Geschäftsführer wurden heuer (nicht rechtskräftig) zu bedingten Haftstrafen verurteilt. Ihnen wurde vorgeworfen, die Produktion nicht rechtzeitig eingestellt zu haben, als die Kontaminierung bekannt geworden war. 2013 kam der Pferdefleischskandal auf: In Produkten wurde Pferde- statt Rindfleisch entdeckt. Seit Anfang des Jahres gibt es in Österreich neben Geld- auch Haftstrafen für Betrüger. Zudem sollen EU-weite Verordnungen eine Irreführung der Kunden verhindern. (kb/ks)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2014)

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