Hinein in den Stollen, zurück in die Kindheit

Die Grazer Märchenbahn hat sich neu erfunden: Die alte Märchenfigurenschau sucht man vergeblich. Gut so.

(c) APA (MAKUS LEODOLTER)

Das vielleicht passendste Bild begegnet einem gleich zu Beginn: Uhren, deren Zeiger sich zurückdrehen, hängen an den Felswänden, wenn man in die finsteren Stollen fährt. Denn bei der Fahrt geht es auch zurück. Zurück in eine alte Zeit, sagt die Stimme aus dem Lautsprecher, in der das Wünschen noch geholfen hat.

Tatsächlich ist eine Fahrt in das Innere des Grazer Schlossbergs auch eine Fahrt in die Vergangenheit, in die eigene Kindheit. Für mehrere Generationen von Grazern ist die Märchengrottenbahn, die durch die früheren Luftschutzstollen des Schlossbergs zuckelt, eine positiv besetzte Erinnerung an früher. Grottenbahn fahren – und dann noch auf ein Eis.

Ein wenig Nostalgie lässt sich also nicht vermeiden, wenn man nach Jahren wieder in einem der kleinen Wagons sitzt. Jetzt, da die Märchenbahn nach drei Jahren endlich – und durch das Kindermuseum Frida & Fred völlig neu gestaltet – wieder geöffnet hat.

Geblieben ist, und das ist der erste Eindruck, das alte Fahrgefühl: Es ist kalt, es zieht, und die Bahn ruckelt, zuckelt und quietscht wie früher, so wie es sich gehört. Begleitet von Musik, Stimmen, Geräuschen und Zitaten aus bekannten Märchen („Knusper, knusper, Knäuschen“) zieht die Lok die Wagen von Station zu Station. Dann stoppt der Zug, die Kinder dürfen die Taschenlampen, die an den Wagen angebracht sind, in die Hand nehmen und die Stollenwände erkunden. Das ist vermutlich der Teil, der den jüngsten Besuchern am meisten Spaß macht. Welche Tiere entdeckt man da im Märchenwald? Welche Figuren tauchen erst im Licht der Taschenlampen auf den großen Steinen auf? Ein Einhorn! Ein Teufel! Fast zu schnell geht die Fahrt weiter, gern hätte man noch ein wenig länger gestaunt.

Nein, das alles gab es in der alten Grottenbahn nicht. Was man früher eigentlich gesehen hat, daran erinnert man sich nicht mehr wirklich. Ein Blick ins Internet zeigt: Schneewittchen, Pumuckl, Rotkäppchen, Erzherzog Johann (!), allesamt mäßig liebevoll gestaltete kleine Figuren, die tatsächlich irgendwann einmal als kindgerecht und hübsch gegolten haben müssen.

Damit könnte man heute nicht mehr punkten. Der große Bruch, den man mit der Neugestaltung gewagt hat, war ein mutiger, aber auch ein überfälliger Schritt. Statt wenig ansprechender Figuren, die man im Vorbeifahren anschaut, liefert die Fahrt Versatzstücke aus Märchen, ein Sammelsurium aus akustischen und optischen Eindrücken. Eine Räuberbande singt aus dem Off ein gruseliges Lied, kurz taucht links die Kontur eines Räubers vor einem Lagerfeuer auf. Ein Stopp in Bagdad, die Geräuschkulisse eines Basars, im Vordergrund glitzernde Wunderlampen. Kleine Inszenierungen, die es früher nicht gab. Und doch ist auch das Altmodische geblieben, die Fahrt wie damals im quietschenden Waggon, zwischendurch nur Finsternis (nichts für Kinder, die Angst im Dunkeln haben!), durch die immer noch geheimnisvollen Stollen.

Eines wird sich aber länger nicht ändern: Die Bahn bleibt, auch wenn sie nun offiziell Grazer Märchenbahn heißt, unter den Grazern wohl noch länger die Grottenbahn. So wir früher. Allein schon der Nostalgie wegen.

1968 wird die Märchengrottenbahn im ehemaligen Luftschutzstollen im Grazer Schlossberg eingerichtet. Im Lauf der Jahre war sie mehrmals gesperrt.

Ende 2014 wird sie nach drei Jahren Sanierung als Grazer Märchenbahn neu eröffnet.

Märchenbahn

Die Grazer Märchenbahn, früher Märchengrottenbahn im Schlossberg ist nach einer umfassenden Neugestaltung wieder offen. Montag bis Sonntag geöffnet (am ersten Montag im Monat geschlossen): Erste Fahrt um 9.15 Uhr, letzte Fahrt um 17 Uhr. Dauer ca. 35 Min. Tickets: Erwachsene 8,50 €, Kinder: 6,50 €.

www.grazermaerchenbahn.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2015)

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