Jugendkriminalität: Keine Angst vor bösen Buben?

Laut Studie geht die Jugend-Gewalt in Deutschland zurück. Auch für Wien zeigt eine Datenanalyse: Es ist nicht ganz so schlimm. Aber: Zuwanderer sind häufiger betroffen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. „Die Situation“, sagt Sabrina S., „war absurd.“ Aber sehr real. Vor einigen Wochen rannte der 31-Jährigen in Favoriten ein Bub entgegen und drängte sich unter „Helfen Sie mir!“-Rufen an sie. Hinter ihm: eine Gruppe maskierter Teenager, die in ein paar Meter Abstand Aufstellung nahm. Wäre nicht ein Passant der „Marke Bodybuilder“, so S., dazugekommen, der den Buben nach Hause begleitete, „ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen. Vor Schreck ist mir nicht einmal die Nummer der Polizei eingefallen.“

Zugegeben, ein skurriler Bericht. Doch er bestärkt, was viele derzeit denken (und schreiben), nämlich dass die Jugend krimineller wird, brutaler. In diese Stimmung platzt nun eine Nachricht aus Deutschland. Gemäß einer neuen und europaweit größten Studie geht die Jugendgewalt in Deutschland zurück. Die Zahl der Taten sinkt, stellte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) fest.

 

 

Da erhebt sich die Frage, ob sich diese Erkenntnis auf Österreich bzw. auf Wien umlegen lässt. Auf den ersten Blick: nein. Stieg doch entgegen dem generellen Kriminalstatistiktrend die Jugendkriminalität 2008 bundesweit (auch wenn sie im Jänner und im Februar 2009 nun wieder sank). Wien lag über dem Schnitt: So verringerte sich zwar von 2007 auf 2008 die Zahl der Verdächtigen bei den Unter-10-Jährigen um 8Prozent. Dafür stieg sie bei den 10- bis Unter-14-Jährigen um 36Prozent, bei den 14- bis Unter-18-Jährigen um 20 Prozent. In der größten Gruppe (14- bis Unter-18-Jährige) nahmen vor allem Diebstähle (+45%), Einbrüche (+49%; meist Auto- und Automateneinbrüche) und Raub (+18%) zu. Wobei, meint Robert Klug, der Anstieg auch sein Gutes habe. Klug leitet seit Oktober 2008 die 18-köpfige Sondereinheit zur Bekämpfung der Kinder- und Jugendkriminalität in Wien: „Seit es uns gibt, steigen bestimmte Delikte in der Statistik, weil die Täter jetzt altersmäßig zugeordnet werden können.“

 

Weniger Raufereien an Schulen

Aber trotzdem, es bleibt dabei: Die Zahl der Anzeigen steigt. Also alles anders als in Deutschland? Nicht ganz. Denn auch dort nehmen die Anzeigen ja zu. Nur wurden vom KFN der Statistik Daten aus anderen Quellen gegenübergestellt, und die ergeben ein anderes Bild: So sanken an deutschen Schulen die bei der Versicherung meldepflichtige Raufereien, bei denen in Folge ein Arzt nötig war, von 1997 bis 2007 um 31,3%. Für Arno Pilgram vom Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie ein seriöser Indikator, den es auch für Wien gibt, nämlich in der Statistik der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt. Auch dort wird ein Rückgang solcher (schwerer) Raufunfälle an Wiener Schulen verzeichnet: Von 56 im Jahr 1998 auf 23 im Jahr 2008. Freilich, so Pilgram, könne man deshalb nicht die deutschen Ergebnisse auf Wien ummünzen. Aber die Daten seien – so wie die relativ stabilen Wiener Verurteilungszahlen – ein Hinweis, dass die Anzeigestatistik, die ab 2010 reformiert werden soll, verzerre. Der Anstieg der Anzeigen hänge, so Pilgram, nämlich auch mit der Zunahme der versicherten Gegenstände und der Bürokratie zusammen. Bei der Kinderkriminalität gab es im Vorjahr sogar eine formelle Änderung der Anzeigepraxis. Die Verschiebung „ins Hellfeld“, sagt er, falle bei Jugendlichen deshalb besonders deutlich aus, weil hier früher „ein Auge zugedrückt wurde“.

Interessant ist für Katharina Beclin vom Institut für Strafrecht und Kriminologie der Uni Wien, dass parallel zum Anstieg bei den Jugendlichen bis vor Kurzem (bundesweit) die Zahl der Tatverdächtigen bei den jungen Erwachsenen sank: Sie vermutet daher eine Vorverlagerung der Straffälligkeit. Banal gesagt: Man wird früher kriminell, hört dafür aber früher auf.

Auch ein anderes Ergebnis der Studie ist für Wien laut Experten relevant: Demnach werden Jugendliche mit Migrationshintergrund öfter kriminell. Statistisch belegbar ist das nicht, weil die Kriminalstatistik nur zwischen Österreichern und Nichtstaatsbürgern unterscheidet – das jedoch deutlich. Laut Statistik Austria liegt die um Kriminaltouristen und demografischen Unterschiede bereinigte Kriminalitätsrate für das Vorjahr in der Gruppe der inländischen 14- bis Unter-18-Jährigen bei 8%. Bei ausländischen bei 18%. Daran ändert wenig, dass 2008 in Wien die Zahl der Tatverdächtigen in der Altersgruppe bei Ausländern weniger stieg als bei Inländern (10%; 24%).

 

Der Machofaktor

Die Differenz führen Fachleute freilich auf soziale Ursachen zurück. Schlechtere Bildung, weniger Einkommen, keine intakte Familie, das trifft auf Zuwanderer öfter zu und begünstigt, so zeigt die Studie, Kriminalität. Dazu passt, was Klug sagt: „Das häufigste Tatmotiv ist Habenwollen.“ Auch das, was die Gewaltbereitschaft männlicher Jugendlicher laut Christian Pfeiffer, Leiter des deutschen KFN, am meisten fördert – „die Akzeptanz Gewalt legitimierender Männlichkeitsnormen“, die Identifikation mit Werten der Machokultur“ –, sei letztlich ein Schichtenphänomen, sagt Beclin. Auch wenn sie hinzufügt: „Kann schon sein, dass das durch die Herkunft verstärkt wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2009)

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