Die Glühkindlmärkte des wilden Westens

Die Weihnachtsmärkte in Innsbruck und Feldkirch verhalten sich wie Goliath zu David. Herzerwärmend ist's bei beiden. Im schönen Innsbruck schwingen halt auch die alten Zeiten mit.

(c) APA/HERBERT P. OCZERET

Ach Gott, es war als Student in den 1990ern in Innsbruck der Höhepunkt des Jahres: Wenn im November die Altstadt jäh mit Holzstandln zugeparkt war, aus denen der Duft nach Nelken, Zimt und Co. durch die Gassen trieb und künftige Juristen, Ärzte und Physiker anzog.Im Glühwein lag damals, als man noch studierte und nicht bloß ausgebildet wurde, große Macht – Legenden rankten sich um die Zahl geleerter Tassen, weshalb man vom „Glühkindlmarkt“ sprach und das einschlägig motivierte Studententreiben dieser Wochen manch Stadtmächtigen nicht immer gefallen wollte.

Ein Weihnachtsfeuerwerk

Mittlerweile wirkt das jahresendphasenbedingte Treiben gesitteter, man hat wohl die Reihen der Glühweinstände gelichtet. Doch wie auch immer: Die schöne Alpenstadt, die viele, die dort einige Jahre gelebt haben, mit einem Haken im Herzen an einer langen Schnur entlässt, zündet ab Mitte November ein wahres Weihnachtsfeuerwerk. Unter dem Motto „Bergweihnacht“ sind sechs Märkte gebündelt, fast alle liegen innerhalb eines Zehn-Minuten-Gehradius (Programm und Angebote siehe Kasten).

Drei davon – auf dem Marktplatz, in der Maria-Theresien-Straße und natürlich in der Altstadt – sind das gravitative Zentrum, doch auch die anderen haben etwas. Etwa der auf der Hungerburg, wo man, die weißen Hänge und Steilwälder der Nordkette im Rücken, von 870 Metern Seehöhe einen genialen Blick über die Stadt hat; man kommt am besten per Bus oder aus dem Stadtzentrum mit der Hungerburgbahn her.

Klar gibt's ein großes Rahmenprogramm: Turmbläser hier, Märchentheater in der Kiebachgasse (Altstadt) mit zwei nachmittäglichen Vorstellungen da, Kasperltheater und Kinderglasblasen auf dem Marktplatz, Gesänge der Musikschule Innsbruck vor der Spitalskirche (Maria-Theresien-Straße, 17 h), Clowns, Musik und sonst allerhand auf dem Wiltener Platzl weiter südlich, Eislaufen auf dem Sparkassenplatz etc.

Traditionell wird Innsbruck jetzt von Italienern überflutet, die sich an die bunten Glühweintassen klammern und deren tänzelnder Sprachsingsang immer lauter wird. Imbissstände preisen auch auf Italienisch an, Kalbsbratwürste, Sauerkraut und Tiroler Gröstl etwa, und wie immer (und schon in den raueren Neunzigern) steht eine Dauerschlange vor dem Standl von „Kiachl Dengg“ in der Altstadt. Man riecht es von weitem, dort treiben dicke Batzen aus Hefeteig in heißem Öl und werden zu pampfigen Kiachln, die man mit Preiselbeeren oder optimalerweise Sauerkraut füllt. Es gibt kaum eine bessere Grundlage für alles Folgende, trust me!

Kometen über den Dächern

Über den Standlreihen zwischen den Arkaden der Altstadt thront eine Plattform, von der aus die Aussicht gewaltig ist. Da schimmert das Goldene Dachl und leuchten mattbunt die Fassaden. Der Christbaum vor dem Dachl wirkt richtig nett, leicht pummelig, nicht so groß und weniger wichtigtuerisch als sein Bruder vor dem Wiener Rathaus. Und wenn Jets im Landeanflug wie blinkende Kometen im Abenddunkel dicht über die Dächer der Altstadt oder Maria-Theresien-Straße ziehen und Düsendonner zwischen den Häusern dröhnt, muss man schnell Glühwein trinken und „hach!“ sagen – sonst explodiert man!

Im Reich von Käs und Glüawii. 135 Kilometer weiter westlich an der Schweizer und Liechtensteiner Grenze ist der Weihnachtsmarkt in Feldkirch weit kleiner, aber nicht zwingend ruhiger. Sein Herz ist in der arkadengesäumten Marktgasse zwischen Gasthof Lingg und der Kirche St. Johann, die im Kern auf 1218 datiert, ein Ringelspiel steht dort. Lichterketten sind wie Engelsflügel über die Gasse geschwungen, der Baum ist noch schlichter als der in Innsbruck, am Abend kriecht das sonore Brummen des über die Grenze zurückfließenden Pendlerverkehrs heran und mischt sich mit dem der rasch lockerer werdenden Gsiberger, unterbrochen durch Programm auf der Bühne, etwa Schülerchören, Seemannschören vom Bodensee und den „Almblösern“. Kinder kann man von 14 bis 17 Uhr im Lebkuchenhaus auf dem Sparkassenplatz betreuen lassen, da ist's lustig.

An manch Stand wird Französisch gesprochen (das Elsass ist hier näher als Wörgl in Tirol), und weil Vorarlberg und Frankreich Hochburgen der Käsekultur sind, wundert's nicht, dass Käs (ohne e!) und Raclette oft zu sehen und riechen sind – Letzteres soll ob seines inflationären Vorkommens manche nerven, aber wurscht, da muss man durch dort vor dem Arlberg. Dem Gebirge ist es zu danken, dass es Törichtes aus dem Osten ganz oder teilweise abhält, etwa Punsch. Dieser Ost-Unsinn muss draußen bleiben, und falls man ihn hier findet, ist er meist alkoholfrei bzw. für Kinder. In Vorarlberg trinkt man „Glüawii“ oder „Glüamoscht“ und würd' Punsch oft nicht mal als Saunaaufguss verwenden.

Später ins Stone

Wer es stiller mag, findet nahe der St.-Johann-Kirche beim Johanniterhof den Mikro-Glühweinmarkt der Bunt-Bar im alpinen Stil mit Rindenmulchboden, Holzhüsle und bunten Lichtle. Gut zum Après-Christkindln sind das Rauch, das Unterberger und ab 22 Uhr der legendäre, nur 28 m2 große Stone Club (alles in oder nahe der Marktgasse, einfach durchfragen) – aber das ist jetzt definitiv keine Weihnachtsgeschichte mehr.

WEST-WEIHNACHT

In Innsbruck sind ins zauberische Alpenpanorama sechs Weihnachtsmärkte eingebettet. Das gravitative Zentrum bilden jene in der Altstadt, der Maria-Theresien-Straße und auf dem Marktplatz (www.christkindlmarkt.cc)

In Feldkirch konzentriert sich der kleine, aber sehr lässige Weihnachtsmarkt auf die kopfsteingepflasterte arkadengesäumte Marktgasse in der Altstadt (www.feldkirch.travel/advent).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)

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