Die "Lebenslangen" von Stein

Josef F., der Mann aus Amstetten, wurde kürzlich in die Haftanstalt Krems-Stein eingeliefert. Wie es dort, "am Felsen", zugeht, zeigt ein Exklusiv-Lokalaugenschein der "Presse am Sonntag".

Stein
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(c) Manfred Seeh

Josef F., der Mann aus Amstetten, der Mann, der vom Boulevard „Keller-Monster“ genannt wird, ist kürzlich an einem Punkt angekommen, an dem er wohl bis zum Lebensende bleiben wird. Am Endpunkt. In Stein. In der niederösterreichischen Haftanstalt Krems-Stein, dort, wo die gefährlichsten Verbrecher des Landes einsitzen. „Am Felsen“, wie es im „Häfen“-Jargon auch heißt.

„Ich nehme das Urteil an.“ Mit dieser Erklärung hatte Josef F. bei seinem Prozess im März überrascht. Normalerweise bringen Verurteilte, die lebenslange Haft bekommen und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden, Rechtsmittel ein. Was hat man noch zu verlieren, wenn man die Höchststrafe bekommt? Dennoch: Josef F. fand sich mit seinem Urteil ab. Damit stand praktisch fest, dass er (nach einem Zwischenstopp in der Anstalt Wien-Mittersteig) in Stein landen würde. Dort, wo jene, denen der Richter einen „Frack“ anzieht („Häfen“-Jargon für „Lebenslang“), in Österreich am ehesten hinkommen.

Stein als Antwort des Rechtsstaates auf Kindesmord, Sklaverei, Vergewaltigung, Freiheitsentziehung, schwere Nötigung und Blutschande – Stein als Antwort auf 24 Jahre Einsperren der eigenen Tochter in einem Keller. Nun ist Josef F. selber eingesperrt.

700 Häftlinge sitzen in Stein, 100 von ihnen im Maßnahmenvollzug. Das sind jene, die (so wie F.) zur Haftstrafe auch noch eine „vorbeugende Maßnahme“, nämlich die Einweisung in eine Anstalt, auferlegt bekamen. Die „Erstmaligen“, die, die noch nie in einer geschlossenen Anstalt waren, sitzen im ersten Stock des alten Trakts (Westtrakt). F. stieß nun dazu. Als genau 101. Häftling im Maßnahmenvollzug. Und zugleich als einer von etwa 70 „Lebenslangen“ in Stein.

Das Hochsicherheitsgefängnis an der Donau, umgeben von hübschen alten Häusern, vis-à-vis vom Karikaturmuseum, besteht eigentlich nur zum Teil aus Hochsicherheit. Auf dem 58.000-m2-Areal liegen auch diverse Werkstätten (Tischlerei, Buchbinderei, Wäscherei etc.), in denen die Häftlinge arbeiten dürfen/müssen. Weil das Budget nicht reicht und es statt der vorgesehenen 348 Justizwachebeamten nur 300 gibt, bleiben vor allem im Sommer (Urlaubszeit) von Montag bis Donnerstag zwei bis vier Werkstätten geschlossen. Freitags sind es fast alle, das nennt sich „Notbetrieb“.

Die höchste Sicherheitsstufe am „Felsen“ – einige Insassen sagen auch „The Rock“, angelehnt an den Namen für Alcatraz – herrscht im Erdgeschoß des Westtrakts, auf „West E“. E wie Erdgeschoß. Und das ist ein Euphemismus. Befindet man sich nämlich in einer der schmalen Zellen auf „West E“, so steht man unter dem Niveau des Innenhofes, fast im Keller. Das einzige Fenster ist doppelt vergittert. Die Mauern des zwischen 1870 und 1873 erbauten alten Traktes sind meterdick.

Bereits 1850 hatte der Staat das ehemalige Redemptoristinnenkloster in Stein an der Donau gekauft, um es nach und nach zum Gefängnis auszubauen. Die auf „West E“ Angehaltenen sitzen praktisch den ganzen Tag dort. Etwa der Flughafenterrorist Tawfik Ben Ahmed Chaovali (Anschlag auf den El-Al-Schalter am Flughafen Wien-Schwechat, 1985) oder der Doppelmörder Amyn Radwan Gindia (Gendarmenmord von Maria Lanzendorf, 1989). Es wäre zu gefährlich, sie und andere in einer der Werkstätten zu beschäftigen. Wer in einem Gefängnis tonnenschwere metallverarbeitende Maschinen bedient und jede Menge Werkzeug in Händen hält, kann schon einmal auf Gedanken kommen, die nicht im Sinne der Hochsicherheit sind. Daher werden Häftlinge nach Gefährlichkeit klassifiziert. Auf „West E“ sei also „das untergebracht, was in Österreich als extrem gefährlich gilt“, wie Oberstleutnant Roland Wanek, einer der ranghöchsten Justizwachebeamten in Stein, formuliert.

Josef F. sitzt nicht dort unten. Sondern eine Etage darüber. Er gilt nicht als „Sicherheitsfall“. Und: Nein, der Bereich vor seinem Haftraum wurde nicht – wie verschiedentlich kolportiert – eigens umgebaut, um den Mann aus Amstetten vor Übergriffen durch Mithäftlinge zu schützen. Was sollte man auch umbauen? F. sitzt hinter einer von vielen beigen Metalltüren. Verlässt er den Haftraum, steht er in einem langen, von Neonlicht erhellten Korridor. An diesen grenzen Gemeinschaftsräume für therapeutische Gespräche.

„Er ist ruhig und vernünftig“, sagt Elisabeth Tadayon-Manssuri, „Leiterin des Psychologischen Dienstes und des Maßnahmenvollzuges“ über Josef F. „Er hat sich erkundigt, ob er hier was zu befürchten hat.“ Dies habe er nicht. „Natürlich: Wenn er präpotent wird, wenn er sich rühmt, dann zahlt er die Rechnung dafür. Aber das ist draußen auch so.“ In Freiheit, meint sie.

Stein ist kein Ort, um groß aufzufallen. „Jeder will hier über die Runden kommen, jeder schaut auf sich selber“, sagt Wanek. Der vom Justizministerium zum Lokalaugenschein der „Presse am Sonntag“ vorsorglich entsandte Beamte der Vollzugsdirektion, Brigadier Alfred Steinacher, überbringt die offizielle Botschaft zum Thema „Auffallen“: „Herr F. ist ein Häftling wie 8430 andere in Österreich.“ Nachsatz: „Wir wollen ihm keinen Kultstatus zukommen lassen.“ Natürlich nicht. Nur: Ein Mann, dessen Taten weltweit für Entsetzen sorgen, geht eben nicht als unauffälliger Durchschnittstyp durch.

Derzeit, so Steinacher, würden „Explorationen rund um den Erdball“ vorgenommen. (Hobby-)Psychiater, Schriftsteller und Pseudokriminalisten würden jede Menge Post schicken: Briefe, Manuskripte zum Fall F. – und eben psychiatrische Abhandlungen.

Wesentlich profaner sind da schon andere Probleme. Etwa das Donau-Hochwasser in Krems-Stein. Dieses drückt das Abwasser der Kanäle in die im Untergeschoß liegende Häftlingsküche. Derzeit werden die Kanäle durchleuchtet. Saniert wird, wenn das Geld reicht, frühestens nächstes Jahr.

Oder die Drogen. Diese werden von Bekannten der Häftlinge auf den Lkw versteckt, die die Werkstätten mit den nötigen Gütern und Rohstoffen beliefern. So gelangt das Zeug in die Anstalt. Verhindern kann man das kaum. Steinacher weiß um den Einfallsreichtum der Gefangenen: „Im Häfen gibt's auch das, was es nicht gibt.“ Vor allem „am Felsen“. Im Hochsicherheitsgefängnis Krems-Stein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2009)

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